»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der so böse war,« flüsterte Annchen Amsee, um ihren Freund zu entschuldigen. Der wischte, pustete und nieste noch immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel sagen.
»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan und der Führer riefen es wie aus einem Munde; sie sahen einander an und lächelten, lachten und fanden blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die waren ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers hatte ihnen doch bisher die rechte Freude an der Entdeckung getrübt, aber jetzt kamen sie sich gleich ungeheuer wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben tuschelten: »Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern wären nun natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert – den Mädeln war es zu unheimlich – aber das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den gemalten Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, wieder hervor, und schnapp, war das dunkle Treppengelaß wieder verschwunden.
»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du nicht größer und nicht kleiner bist; hast gerade auf die rechte Stelle gehauen. Hier am Degenknauf des finstern Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck darauf kann man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte, er drückte noch einmal, aber – – keine Türe sprang auf. »Na, was ist denn das?« rief er verwundert. »Herr Lehrer, versuchen Sie es doch einmal!«
Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das Bild blieb unbeweglich an seinem Platze, und seine finsteren Augen starrten die Kinder an.
»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle plötzlich, der nun endlich das Niesen eingestellt hatte.
Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, zweimal, aber erst beim drittenmal spazierte der finstere Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine Oberheudorfer Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.«
Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und er war es recht zufrieden, als er mit seiner Schar wieder auf dem Schloßhof stand. Dort hinaus brachten auf des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische und Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden des schönen Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. »Vielleicht gibt's Schokolade,« sagte Schulzens Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, doch darin irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, und es wurde eine fröhliche Schmauserei.
Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen, in der so viele alte Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter und andere Waffen und Geräte hingen, daß die Buben sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter verwandelt hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und die Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und an das Zubettgehen. Zeit war es also auch für die Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie alle sich noch sehr gern die Stadt angesehen hätten.
»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein paar Buben. Friede erschrak. Ganz jäh kam ihm der Gedanke an den Spott der stolzen Gymnasiasten. Was würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich aber wieder: mochten sie doch lachen, was kümmerte es ihn!
Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? Er sagte so freundlich und gütig, wie er immer zu Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist auch ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!«