Und gerade an diesem Tage ging Friede nicht um die Kirche herum, sondern lief an dem Organistenhaus vorbei und kam gerade hinter den Freunden her, als Jobst das vom Bauernjungen sprach. Husch flogen da auch all die guten Vorsätze weg, mit denen er gekommen war. Er hatte Ulrich anreden wollen, ganz leicht hatte er sich das vorgestellt, und nun ging er stumm und ohne Gruß an seinen Kameraden vorüber, und ebenso stumm lief er dann wieder nach dem Spiegelhaus zurück.
»Hast du mit ihm gesprochen?« rief das Füchslein dem Bruder an diesem Tage entgegen. Sie erzürnte sich sehr, als sie sein »nein« hörte, und sie war schon drum und dran, mit zornigen Worten ihrem Grolle Luft zu machen, als ihr noch zur rechten Zeit der Mutter Worte einfielen. Sie seufzte zwar dreimal tief, dann war der Zorn in sein dunkles Herzkämmerchen zurückgesunken, und Füchslein sagte sanft und lieblich: »Aber morgen, Ulli, gelt, morgen tust du es?«
Ulli versprach es. Am nächsten Tag kam er aber sehr brummig heim. Schon von weitem schrie er: »Füchslein, er will gar nicht, tut, als sei ich Luft. Frech! Nun will ich aber auch nicht mehr.«
Von diesem Entschluß brachte den Bruder kein sanftes und kein zorniges Bitten und Fordern ab, und das Füchslein sah betrübt alle schönen Friedenspläne zerrinnen, denn sie selbst zankte sich wieder einmal gründlich mit dem Bruder. Sie sah Friede in diesen Tagen auch nur einmal von ferne; sie rief ihn an, er lief aber geschwind davon. Im Organistenhaus war er auch nicht gewesen, ärgerlich sagte es ihr Fräulein Wunderlich. Diese hatte schon wieder alle gute Schokoladenlaune verloren; sie ging verdrießlich im Hause herum und schalt und brummte, wenn sie an den bösen Nachbarn und den hinausgeworfenen Buben dachte. Selbst über den entflohenen kleinen Teufel schalt sie jeden Tag. Daß das Huhn entwichen war, kränkte sie bitter.
Marianne Sonntag bekam auch von dem entflohenen Oberheudorfer Huhn zu hören. An einem Frühlingsnachmittag war es, an dem ein leiser, warmer Regen auf die Erde niederfiel. Fräulein Wunderlich hatte trotz des Regens in ihrem Gärtchen gegraben und gepflanzt, und das Füchslein war zu ihr gekommen. Sie standen beide an der Mauer des Nachbargartens unter einem kleinen Schutzdach, und dort erzählte das Fräulein laut und zornig von dem entflohenen Huhn.
»Das ist gewiß nach Oberheudorf zurückgeflogen,« rief Marianne mit ihrem hellen Stimmlein. »Ihm gefällt es nicht in der Stadt.«
»Rede doch nicht solchen Unsinn, wie soll ein Huhn nach Oberheudorf fliegen!« schalt Fräulein Wunderlich. »Aber meinetwegen, ich mag schon gar nicht mehr von dem Ort und seinen Bewohnern hören. Nichts wie Ärger hat man davon.« Die Dame machte ein so bitterböses Gesicht, daß es dem Füchslein ganz ungemütlich wurde.
»Ich will jetzt hineingehen, Onkel Wunderlich ist gewiß wieder zurück.«
»War mein Bruder nicht da?« fragte das Fräulein.