»Nein, er ging vorhin noch mit dem Herrn Professor von Spiegel auf dem Platz draußen hin und her,« sagte Marianne arglos; sie hatte in diesem Augenblick die nachbarliche Feindschaft ganz vergessen.
»Geh, pfui, geh, du bist auch ein abscheuliches Mädchen!« rief Fräulein Wunderlich plötzlich. »Kommst nur, um mir unangenehme Sachen zu sagen.«
»Aber ich hab' doch nichts getan,« stammelte Marianne, doch Fräulein Wunderlich rief noch einmal: »Geh, geh, ich will dich nicht mehr sehen.«
Betrübt verließ die Kleine den Garten, und drinnen fiel es ihr erst ein, warum sie die Hausherrin erzürnt hatte. Die war böse, daß ihr Bruder mit dem Nachbar ging; sie haßte den, und Mutter hatte doch gesagt, einmal wären sie miteinander gute Freunde gewesen! Nachdenklich, mit gesenktem Kopf trat Marianne in das Musikzimmer. Dort stand der alte Organist und sah sinnend in den leise rinnenden Regen hinaus. »Was hast du denn, Kind?« fragte er, sich seiner Schülerin zuwendend, als diese eintrat, »du siehst ja gar nicht wie ein rechter Sonntag aus?«
»A–ch!« – Füchslein seufzte – »das Friedenstiften ist doch arg schwer!«
»Ja freilich, schwer ist's, sehr schwer sogar!« Herr Wunderlich seufzte nun auch. »Es ist darum am besten, es gar nicht zum Unfrieden kommen zu lassen. Aus einem kleinen Pflänzchen wächst oft eine ganze Dornenhecke auf, und keines kommt mehr herüber oder hinüber.«
»Nur ein Prinz,« sagte Füchslein, die gut verstanden hatte, daß ihr Lehrer an seiner Schwester Zwist mit dem Nachbarn dachte.
Herr Wunderlich lächelte. »Ja, ein Märchenprinz, und ein Märchenprinz kann auch ein Oberheudorfer Bauernbube sein. Man muß aber Geduld haben, viel Geduld. Wir wollen uns nur hüten, daß nicht noch mehr Streit und Unfriede entsteht, nicht noch zwischen anderen Brüdern und Schwestern.«
Marianne wurde rot, seufzte tief und murmelte, während sie ihre Geige aus dem Kasten nahm: »Ich will Ulli nachher wieder gute Worte geben.«
»Und ich will meiner Schwester auch gute Worte geben,« sagte der alte Herr, und auf einmal lachten sich Lehrer und Schülerin sehr vergnügt an, nickten sich zu, und dann spielten sie zusammen und vergaßen darüber Zank und Streit.