Es wurde Friede nicht leicht, bis zu dem Nachbarhaus zu gehen. Er sah sich draußen erst um. Niemand war zu sehen; der Johannesplan lag, wie fast immer, wenn nicht Schulanfang oder Schulschluß war, menschenleer da. Als er an das Organistenhaus kam, sah er, daß eins der Fenster neben der Haustüre halb offen stand. Von seinem kurzen Aufenthalt im Hause her wußte er noch nicht gut Bescheid, wie und wo die einzelnen Zimmer und Wirtschaftsräume lagen; er glaubte aber, dies Fenster sei eins von dem breiten Hausflur. Er überlegte nicht lange und fand, es sei am besten, das Huhn einfach durch das Fenster in das Haus zu lassen, dann war es drinnen, und Marie würde es bald merken, denn der kleine Teufel wußte seine Stimme gut zu gebrauchen. Wenn jemand etwas bequem ist, dann erscheint es ihm leicht gut und richtig, und Friede erging es mit dem Huhn auch so. Kurz entschlossen schwang er sich von der Treppe auf die Fensterbrüstung; es ging ganz leicht. Dann ließ er das Huhn durch das offene Fenster in das Haus hinein, zog vorsichtig, so gut es gehen wollte, das Fenster von außen wieder zu und ging befriedigt ins Spiegelhaus zurück. Dort lief er gleich hinauf zu seinen Büchern, weil er sich im Herzen ein bißchen schämte, dem Gärtner zu sagen, wie er das Huhn bei Wunderlichs abgegeben hatte.
Fräulein Wunderlich war in ihrem Gärtchen immer auf und ab gegangen, ärgerlich auf alle Welt und ärgerlich auf sich. Es erzürnte sie auch, daß sie naß wurde; trotzdem holte sie sich keinen Schirm. Endlich kehrte sie in ihr Haus zurück. Dort scheuerte Marie mit viel Lärm und Gepolter die große, nach dem Garten gehende Hinterstube aus. Pfingsten rückte näher, und zu Pfingsten mußte alles noch blanker als blank sein. Sie fing daher immer zeitig mit Scheuern und Putzen an. Wenn sie so recht in der Arbeit war, hörte und sah sie nichts. Sie schaute auch erst auf, als Fräulein Wunderlich die Türe öffnete und rief: »Marie, hier schreit ja ein Huhn im Hause!«
»Ih nee,« rief Marie vergnügt, »ja, da geistert vielleicht gar der kleine schwarze Teufel aus Oberheudorf im Hause herum!« Sie lauschte, es war aber nichts zu hören, und Fräulein Wunderlich ging noch verdrießlicher von dannen, hinauf in ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen, denn sie war ganz naß geworden. Alles ärgerte sie, Maries Lachen, daß ein Huhn schrie und dann doch nicht schrie. Sie war so recht in der Stimmung, sich über die Fliege an der Wand zu ärgern.
Unten hatte es geklingelt, erst einmal schüchtern, dann noch einmal lauter.
Marie war durch den Hausflur geschlurft, hatte geöffnet und kam und meldete: »Fräulein Müller ist da, mit dem neuen Kleid.«
»Lange genug hat es gedauert,« murrte Fräulein Wunderlich. Vorgestern hatte die Schneiderin schon das neue Kleid bringen sollen, und jetzt brachte sie es erst. Fräulein Wunderlich hätte das Kleid sicher in den zwei Tagen nicht angezogen, ja eigentlich hatte sie gar nicht daran gedacht, nun aber schalt sie über die Unpünktlichkeit und ging mit dem allerfinstersten Gesicht zu der Schneiderin hinab. Diese sah noch blässer, noch bekümmerter als sonst drein. Sie wollte gerade eine Entschuldigung sagen, als Fräulein Wunderlich sie zornig anschrie: »Schämen Sie sich, so unpünktlich zu sein, ich werde nichts mehr« – –
»Gagagagaaag« gackerte es auf einmal laut dazwischen, und Fräulein Wunderlich brach erschrocken ab. »Marie, Marie,« rief sie, »es ist doch ein Huhn in der Wohnung!«
Marie stürzte herbei. »Wo denn? Ich höre ja nichts!« Sie konnte auch wirklich nichts hören, denn es war wieder alles still im Haus. »Das ist 'ne putzige Geschichte,« meinte sie und schlurfte kopfschüttelnd wieder davon.
Fräulein Wunderlich war aber so verärgert, daß sie die arme Schneiderin noch heftiger anschrie. Die wollte etwas sagen; sie wäre aber sicher noch lange nicht zu Worte gekommen, wenn nicht plötzlich wieder laut ein Huhn gegackert hätte.
»Da ist es ja wieder,« rief Fräulein Wunderlich und riß die Türe auf. »Marie, Marie, es gackert wieder.«