Diese kam angerannt. »Das ist der kleine Teufel aus Oberheudorf, der geistert im Hause rum,« rief sie, »der ist 'n Gespenst geworden.«
Die arme Schneiderin wollte gern ihr Geld haben. Daheim war ihre Mutter so krank, und sie hatte sie pflegen müssen und dabei Tag und Nacht genäht. Nun war kein Geld im Hause, ach, und nun war ihre Kundin so böse. Wie sollte sie das nur sagen? Sie atmete tief und flüsterte ängstlich: »Ich wollte um mein Geld bitten, ich – –«
»Nein, so eine Unverschämtheit, so – – –«
»Gagagagaaag, gagagag,« gackerte es laut. Fräulein Wunderlich brach wieder ihre Rede ab und stammelte: »Wo ist das nur?«
»Hier drinnen schreit es,« rief Marie und riß die Türe zu dem Besuchszimmer auf, der »Putzstube«, wie sie es nannte. »Alle guten Geister, das ist wirklich 'n Gespenst,« schrie sie entsetzt. »Da, da, o du meine Güte, wie graulich!«
Über einem zierlichen Glasschränkchen hingen die Bilder von Fräulein Wunderlichs Eltern, darunter stand eine große Schale, mit Frühlingsblumen gefüllt. Auf dem Rand dieser Schale aber saß der kleine Teufel und rupfte und zerrte an den Blumen herum; die Hälfte davon lag schon am Boden. »Gagagagag, gagagaag,« schrie das Tier jedesmal, wenn es wieder ein paar Blumen zerpflückt hatte. Dann pickte es wieder nach den Efeuranken, die das Bild umgaben; von ihnen hatte es auch schon die Hälfte Blätter abgezupft.
Fräulein Wunderlich brachte vor Entsetzen kein Wort heraus. Seit dem Tode ihrer Eltern stellte sie immer blühende Blumen unter das Bild. Sie meinte damit das Andenken der Toten gar gut zu ehren. Niemand durfte an den Blumen rühren, und nun saß das kleine, schwarze Untier oben und zerstörte alles.
Minna Müller, die Schneiderin, fand es nicht weiter schlimm, daß ein Huhn einmal Blumen zerzauste. Marie würde es schon fangen und alles wieder in Ordnung bringen. Sie dachte immer nur an ihre kranke Mutter, und daß sie Geld haben und rasch heimgehen mußte. Weil Fräulein Wunderlich so stumm geworden war, wagte sie es noch einmal zu bitten. »Meine Mutter ist so krank,« flehte sie; »ach bitte, Fräulein Wunderlich, geben sie mir doch das Geld, ich brauche es für Medizin. Ach, wenn meine Mutter nun stirbt!«