»Ritsch, ratsch,« zog das Huhn an der Efeuranke, und das Bild selbst wackelte und schwankte plötzlich hin und her. Mit einem Schrei sprang Fräulein Wunderlich hinzu, der kleine Teufel flüchtete und riß die Schale vom Schränkchen, die mit lautem Geklirr zu Boden fiel. Doch das Bild war an seinem Platz geblieben, Fräulein Wunderlich hielt es fest. Dabei sah sie in die Augen ihrer Mutter, die nun schon so lange tot war. Gute, sanfte Augen waren es, und der Tochter fiel ein, daß sie wohl immer Blumen unter das Bild stellte, aber recht lange schon nicht in die lieben Mutteraugen geblickt hatte. Sie tat es jetzt, schaute, während Marie schreiend das Huhn fing und Fräulein Müller leise weinte, nachdenklich in das treue, gute Muttergesicht, und da war es ihr, als spräche der Mund wieder wie einst mahnend: »Sei nicht so zornig, sei mild, laß dich nicht von deiner bösen Laune so beherrschen! Nachher bereust du es, aber die Reue kommt manchmal zu spät.«

»Ich hab's, Fräulein, ich hab's,« schrie Marie und hielt das kleine schreiende Huhn fest. »Ist doch zu närrisch, da geistert das Untier die ganze Zeit im Hause rum, und niemand merkt was. Wo's nur gesteckt hat? Und den Schaden, den es angerichtet hat, die schöne Schale!«

Zu Maries großem Erstaunen hatte ihre Herrin kein zorniges Wort. Diese bückte sich nicht einmal, um die Scherben aufzuheben, sie sagte rasch zu der kleinen, noch immer weinenden Schneiderin: »Kommen Sie, Fräulein Müller, ich will Ihnen Ihr Geld geben; das Kleid wird schon sitzen.« Ihre Stimme klang so sanft, daß Marie wieder dachte: »Wenn sie so spricht, ist sie zu nett. Und komisch, nicht mal schelten tut sie über die zerbrochene Schale!«

Ihre Herrin ging schweigend hinüber, und drüben sprach sie liebe, freundliche Worte mit Minna Müller, und dann packte sie für die kranke Mutter lauter gute Sachen ein und versprach, sie wolle morgen selbst nach der Kranken sehen. Die Schneiderin weinte noch immer, aber jetzt tat sie es vor Freude und Dankbarkeit. Als sie durch den Flur ging und Marie ihr die Haustüre öffnete, rief sie: »O, Fräulein Wunderlich ist aber gut, so gut! Und immer habe ich mich vor ihr gefürchtet, und das ist gar nicht nötig, sie ist ja so freundlich!«

Ein Weilchen später dachte das Marianne Sonntag auch. Fräulein Wunderlich rief sie gar freundlich an, als sie heimgehen wollte, und setzte ihr Teekuchen vor, und Marie erzählte die seltsame Geschichte von dem schwarzen Huhn. »'n Wunder ist's, 'n richtiges Wunder! Wo das Untier nur gewesen ist?« rief sie. »Und Herr Wunderlich muß es hören, er wird sich auch wundern.«

Herr Wunderlich wunderte sich auch wirklich, er wunderte sich aber noch viel mehr über seine Schwester: die war so sanft und gut wie seit langem nicht. Es war wirklich, als wäre hellster Sonnenschein, und dabei rann und rieselte draußen der Regen immer stärker vom Himmel herab. »Ich muß heimgehen,« sagte Füchslein endlich, »ich habe keinen Regenschirm.«

»Wart' nur noch ein Weilchen, es hört wohl auf,« riet Fräulein Wunderlich. Es hörte aber nicht auf, dafür klingelte es nach einer Viertelstunde etwas laut. Draußen stand Ulrich Sonntag und sagte verdrossen: »Ich will unser Füchslein abholen, weil es regnet.«

Beim Anblick des Bruders kamen Marianne alle guten Versöhnungsgedanken in den Sinn. Mit einem Jubelschrei fiel sie dem Buben um den Hals, unbekümmert darum, daß er recht naß war. »O Ulli,« rief sie, »wir wollen wieder gut sein miteinander. Onkel Wunderlich sagt, sonst wird 'ne Dornenhecke draus, und wir können nicht mehr drüber. Ach, und Ulli, der Teufel ist wieder da!«

»Füchslein, du bist verdreht,« brummte Ulrich. Er streichelte aber der Schwester doch die Backen, wenn es auch ein bißchen ungeschickt ausfiel. Er war heilfroh, daß sein Füchslein wieder gut zu ihm war.

Beim Wort von der Dornenhecke war Fräulein Wunderlich zusammengezuckt; sie sah zu ihrem Bruder auf und begegnete dem Blick seiner guten, stillen Augen. »Er hat der Mutter Augen,« dachte sie und streckte ihm rasch die Hand hin. »Man kommt manchmal auch über eine Dornenhecke, Matthias,« sagte sie, »wenn man nur den guten Willen hat. Wollen wir nachher zusammen ins Spiegelhaus gehen und den alten Freund besuchen?«