Friede hörte das gar nicht mehr, er rannte, seine Wurst fast zärtlich im Arm, über den Schulhof die Treppe hinauf und kam gerade noch im letzten Augenblick in das Klassenzimmer hinein.

»Er hat eine Wurst im Arm, eine Wurst aus Oberheudorf,« tönten ihm gleich etliche Stimmen entgegen, und nun besann sich Friede erst, daß er die Wurst ganz offen im Arme trug. In seiner Verlegenheit sagte er patzig zu seinem Nachbar: »Laß meine Wurst zufrieden!«

»Na nu,« rief der, »ich habe deiner Wurst ja nichts getan, nicht einmal angesehen habe ich sie. Zeig sie erst mal her!«

»Ja, zeig sie uns auch, Friede Pfennig!« Ein paar Bubenhände langten nach der Wurst, Friede wollte sie halten, aber schon hatte einer sie ihm entrissen. Dem wieder suchte sie ein anderer zu entreißen; drei, vier riefen: »Ich will die Wurst« und »Gebt sie ihm doch wieder!«

Just in diesem Augenblick tat sich die Türe auf, und Doktor Schneider trat ein. Die Buben schnellten zurück, der die Wurst hatte, wollte sie Friede zuwerfen und –

»Au!« rief Doktor Schneider erschrocken, denn die große Wurst sauste ihm plötzlich an den Magen. Nun gehört eine Wurst allemal in den Magen, aber an den Magen sicher nicht, und in einer Schulstube sind herumfliegende Würste auch nicht am Platze. Das Gesicht des Lehrers verfinsterte sich auch beträchtlich, mit strengen Augen musterte er die Schüler. Er sah in lauter erschrockene und verlegene Gesichter, als er ernst fragte: »Wem gehört die Wurst?«

Einen Augenblick herrschte Totenstille in der Klasse, keiner wagte Friedes Namen zu nennen; sie wußten es alle ja ganz genau, daß er die Wurst nicht geworfen hatte. Noch einmal fragte der Lehrer streng: »Wem gehört die Wurst?« Da stand Friede auf und sagte leise aber fest: »Mir!«

Doktor Schneiders Blick ruhte prüfend auf dem Knaben. Der war zwar blutrot geworden, aber seine Augen sahen offen und frei zu dem Lehrer auf. »Hast du die Wurst geworfen?« fragte er wieder.