Doktor Schneider nickte gelassen: »Es mag gut sein, ich wollte nur wissen, ob Würste von allein fliegen können. Wir wollen beginnen!«

Dreiunddreißig Bubenköpfe senkten sich auf die Bücher herab, die Stunde begann, und es war eine, in der die Buben ihre Dummheiten vergaßen und mit leuchtenden Augen dem Lehrer lauschten. Geographie gab es. Die Landkarte an der Wand wurde weit und groß. Da waren nicht bloß Linien und blau getuschtes Meer, da rauschten die Wellen, Wikingerschiffe durchsegelten den Ozean; Italien, Griechenland, den sonnigen Süden meinten die Buben zu schauen; sie lugten hinüber nach Afrikas Küste, und als draußen die Glocke den Schluß der Stunde verkündete, da kehrten alle nur langsam, fast betrübt von einer wunderschönen Fahrt zurück.

Friede kam erst recht zu sich, als die Türe hinter Doktor Schneider klappte. Wirklich, da war das Schulzimmer, da saß er, Friede Heller aus Oberheudorf, auch Traumfriede genannt. Und er war kein nordischer Seefahrer, wie er noch eben gemeint hatte. So recht zu sich kam er erst, als über ein paar Köpfe hinweg ihm Jobst von Hellfeld seine braune Hand hinreichte: »Heller, verzeih mir, bist ein anständiger Kerl!«

»Ja, ein sehr anständiger Kerl!« Ulrich Sonntag hielt ihm auch die Hand hin. Er lachte gutmütig: »Das Füchslein hat doch recht gehabt!«

Aus dem Kreise der andern traten noch etliche zu dem Oberheudorfer Buben; die waren es, die ihn am meisten geneckt hatten. Doch ehe Friede sich noch recht ausgewundert und alle Hände geschüttelt hatte, ertönte schon wieder die Glocke, und Doktor Schneider, der auch die zweite Stunde zu geben hatte, betrat von neuem das Klassenzimmer. Diesmal flog ihm keine Wurst an den Magen; er sagte aber auch nichts mehr von dem Vorhergegangenen. Die Buben merkten bald, er hatte vergeben und vergessen.

In der großen Pause fanden sich Friede, Jobst und Ulrich zusammen auf dem Schulhof. Friede hatte seine Wurst mitgebracht, denn Ulrich Sonntag hatte gemeint, sie wäre gewiß besonders gut. Nun probierten sie alle drei einträchtig die Wurst und schlossen dabei Freundschaft. Und wie sie so saßen, kam einer nach dem andern hinzu, und Friede teilte aus; bereitwillig gab er jedem etwas, froh, daß er der Geber sein durfte.

»Die schmeckt aber fein!« Peter Müller, ein kleiner, dicker Kerl, schlug sich auf den Bauch. »Ich wollte, ich kriegte auch mal eine.«

»Die ißt du dann doch allein, und wir kriegen nichts,« brummte Ulrich Sonntag. »Der Friede ist ein anderer Kerl, der gibt uns doch was ab!«

»Freilich, der Heller ist ein anständiger Kerl!« Das Wort tönte Friede noch in den Ohren, als er schon wieder oben im Schulzimmer saß. Mit so hellen Augen wie an diesem Tage hatte er noch nie das Gymnasium verlassen. Er ging auch nicht allein, er ging mit Jobst und Ulrich, und er nahm gerade so lustig und vergnügt von den andern Abschied wie diese voneinander; er fühlte, er gehörte jetzt zu ihnen. Als er über den Johannesplan lief und Fräulein Wunderlich am Fenster saß, da schwenkte er jauchzend seine grüne Mütze. Nun hatte er ja Freunde, gute Kameraden! Heisa, wie anders sah da die Welt aus!

Singend betrat er das Spiegelhaus. Aber nicht wie sonst kam ihm Frau Emma freundlich entgegen; sie sah ganz ärgerlich drein. »Du, Friede, sieh nur,« rief sie, »was soll nun das bedeuten?« Sie zeigte verächtlich auf eine Anzahl Töpfe, Teller und Kannen, die am Boden standen. Alle hatten abgebrochene Henkel, große Sprünge und Lücken. »Dies hat ein Mann gebracht; er sagt, er wäre Kaspar auf dem Berge, und er solle dies Herrn Professor abgeben. Erbarm' dich, Friede, was soll der mit dem kaputen Zeug?«