»Friede,« flüsterte Anton ängstlich, »komm, sie hauen 's Karussell ab.«
Friede richtete sich auf und sah sich schlaftrunken um. Da krachte es wieder auf der andern Seite, und mit Getöse fiel die halbe Wand um. »Hier unters Tuch!« wisperte Anton leise. Er zog den Vetter rasch mit sich, und beide schlüpften unter die Leinwand. Gerade zur rechten Zeit. Wieder fiel eine Planke um, und durch einen Ritz sah Anton ein paar Männer, die eifrig daran gingen, das ganze Holzgerüst einzureißen. »Ih, das ist doch aber abscheulich,« sagte der eine plötzlich laut und zornig. »Was ist das! Hier hat jemand Fischköpfe und Gräten hingeworfen. Na, den sollte ich erwischen, dem ging's schlecht!«
Den Buben wurde es heiß und kalt bei dieser Drohung, und ängstlich schmiegten sie sich dicht aneinander an, sie wagten kaum zu atmen. Die Männer rissen unterdessen das Brettergerüst ein, räumten Schutt und die Säcke weg und spannten ein Seil um das verhüllte Pferd. Dann fingen die Kirchenglocken an zu dröhnen und zu singen, und Menschen eilten über den Platz der nahen Kirche zu. Ein paar sehr stattlich aussehende Polizisten kamen und schritten immer auf und ab, und wenn jemand näher kam, dann riefen sie: »Platz da, am Denkmal darf niemand stehen.«
»Bumbum, bumbum, ratata, ratara,« ertönte es auf einmal, und die Schwipperlinger Straßenbuben schrieen: »Sie kommen, sie kommen.«
»'s ist doch Vogelschießen,« flüsterte Anton dem Vetter zu. »Wenn sie jetzt mal nich hinsehen, reißen wir aus!« Aber es war wie verhext. Alle schauten immer nach dem verhüllten Ding hin; es war, als hätten sie gar nichts anders zu sehen. Durch ein paar Ritzen und Löcher konnten die Buben alles ganz gut überschauen. Eigentlich war es ein ganz feiner Platz, den sie hatten. Wenn nur Furcht und Hunger nicht gewesen wären; das waren ein paar ungute Gesellen, welche die beiden Oberheudorfer Ausreißer tüchtig zwickten und zwackten.
»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara.« Immer näher kam die Musik, und wieder schrieen die Schwipperlinger Buben: »Sie kommen, sie kommen!« Alle Hälse reckten sich, alle Augen richteten sich auf die eine breite, auf den Platz mündende Straße. Von dort her kam jetzt ein langer Zug, weißgekleidete Mädchen voran, dann viele Männer, die Fahnen trugen, Musikanten, dann eine Anzahl Buben in einer wunderlichen Tracht, und alle diese Leute stellten sich in einem großen Halbkreis auf, und aus ihrer Mitte schritt ein Herr heraus und trat auf das verhüllte Ding zu.
»Der kriecht auch hier unter,« tuschelte Anton aufgeregt. Aber das tat der Herr nun nicht. Er stellte sich auf einen hohen mit Girlanden und buntem Tuch geschmückten Block, die Musik machte noch einmal »ratabum ratara,« dann war alles still. Nur der Herr auf dem Block sprach. Er erzählte eine Geschichte, gerade so eine Geschichte, wie sie manchmal in Oberheudorf der Herr Lehrer erzählte. Da wurde einmal in Schwipperlingen ein Mann geboren, der später ein gar berühmter Feldherr geworden war. Den Buben in ihrem Versteck schlug ordentlich das Herz, als der Herr von den Heldentaten dieses Mannes erzählte. In schweren Zeiten der Not hatte der treu und fest zu seinem Vaterland gestanden, und noch heute lebte sein Andenken in aller Herzen. »Und dieser Mann war ein Schwipperlinger,« rief der schwarzgekleidete Herr, »er lebt noch in unseren Herzen, aber wir wollen auch immer sein Bild vor Augen haben. Schwipperlingen ehrt seinen großen Sohn. Heute an dem Tag, an dem er vor 150 Jahren in dieser Stadt geboren wurde, falle die Hülle von seinem Denkmal!«
»Bumbum, bumbum, ratabum, ratara,« fiel die Musik ein. Ein paar Männer zogen, und klatsch – fielen die Hüllen vom Denkmal.
»Ah,« riefen alle, und dann ertönte jäh ein einziger lauter Schrei des Entsetzens. Totenbleich lehnten rechts und links an dem Pferde des großen Feldherrn die beiden Oberheudorfer Buben.
»So eine Frechheit! Unerhört!« brüllten ein paar hundert Stimmen, und der Herr, der die Rede gehalten hatte, drehte sich erschrocken um. Dabei verlor er das Gleichgewicht und purzelte von seinem hohen Kasten herunter. »Was ist das, was ist das?« rief er.