Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in Steinach kletterten beide heraus.

Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon.

Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja schon bestellt.«

»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.«

Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter, »nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.«

Ja, geheult hat Fritz, aber der Schlaf hatte ihm die Tränen schon wieder getrocknet, als Fräulein Regine an sein Bett trat. Und am nächsten Morgen erzählte er auch mit so wenig Worten als möglich seine Reise. Seine Mutter tat ihm schweigend so viel Geld in seine Sparbüchse, als das Fahrgeld nach L. betrug, aber Fritz fuhr nicht wieder hin. Er graute sich vor dem großen Haus und vor den vielen Menschen, die da aus- und eingingen. Er wartete in Steinach auf seinen Lehrer, und je näher der Tag kam, an dem er ihn sehen sollte, desto größer wurde die Scheu vor ihm. Ob der ihn noch kannte, noch mit ihm so sprach wie damals beim Abschied?

Heinrich Fries kam, als in Steinach der Flieder blühte. In jedem Garten, in Hofwinkeln an der Kirche, da wo Heckenwege die Häuser trennten und verbanden, überall blühte der Flieder. Dichte, blaue Büsche, blaue Wände gab es und blaue Blumenberge, und ganz Steinach war eingehüllt in Duft und Glanz. Vom Schulhaus wehte die Fahne, denn ein Held kam ja heim, einer, der draußen gekämpft und gelitten hatte, einer, dem das Kreuz von Eisen die Brust schmückte.

Heinrich Fries hatte gemeint, er würde still durch das Dorf fahren und still in sein stattliches Schulhaus treten. Aber vor dem standen die Kinder alle, auch die Brummer waren dabei, und alle sangen ihm das Lied entgegen, das im Leben und Sterben kein Deutscher vergißt. Und danach das schöne »Lobe den Herrn«.

Mitten im Gesang brach Malchen Hinzpeter in Tränen aus. Sie dachte an den Vater, der nun nie wiederkehrte. Vater Hiller zog sie aus dem Kreise und nahm sie in seine Arme, am Herzen dieses treuen Freundes weinte sie sich ihren Kummer aus. Heinrich Fries hörte an diesem Tage keinen falschen Ton heraus, er meinte, noch nie einen schöneren Gesang gehört zu haben, und als ihn dann alle umdrängten, auch die Erwachsenen, und alle baten: »Sie bleiben doch wieder hier?« da rannen auch ihm die Tränen aus den Augen, und er schämte sich nicht.

Nachher sagte er zu Vater Hiller: »Werde ich es können, ein Krüppel als Lehrer?«