Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine Sparbüchse!«
»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?«
»Ich muß nach L.«
»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir schenken. Da nimm ’n Brot und geh!«
Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht. Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und – Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen.
»Wo willst du hin?«
»Da ’nein.«
»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.«
Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt, so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her. Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam auf der Straße.
Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu. Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein. Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen, er ist so erkältet,« dann trennten sich beide.