Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen, die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen: »Deutschland, Deutschland über alles!«
Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht, daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr. Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand, und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr schlimm.«
Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.«
Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.«
Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte: »Der rechte ist’s nicht.«
Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.«
Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries, dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des Kindes Nähe.
Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt aus Frankreich, in L. ist er, aber – er ist ein Krüppel. Fritze Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht ausscheuern tut gut,« brummelte sie.
Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L. fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau, »vielleicht kommt Fräulein Regine mit.«
Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie schon: »Ich fahre mit, natürlich!«