Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche, stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug. Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im Kampf gegenübergestanden.

Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe. Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt, in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen.

Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen, er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend ist.

Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge, hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute, hilfsbereite Menschen waren es.

Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun wiedersehen! Wen hast du?«

»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries.

»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?«

»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus. Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu schimmern, die Sonne ging auf.

Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen, alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude.

O Vaterland, o Heimat!