In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene, die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule: ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten, und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen, einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an allem Getier eine besondere Freude.
Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also ließen sie das Trösten sein.
Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr. Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit. Sie sang:
»Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden!
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß die Qual,
Es muß sich alles, alles wenden!«
Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. – Ein seltsamer Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland.