Die Stimme verhallte, und nichts regte sich mehr im Dorf. Heinrich Fries stand noch lange am Fenster. Er war aber nicht mehr unruhig und niedergedrückt, das holde Singen hatte ihn froh gemacht, und er dachte an die neue Arbeit, und daß er sein Amt mit frischem Mut antreten wolle.
Viertes Kapitel
Ein letzter Schultag
Die Brummer wollen auch singen, und die Katze Minchen will in die Schule gehen – Die Hohenstaufen sollen Berge sein, und Frau Besenmüller redet von der rechten Liebe
Am nächsten Morgen lag Steinach im Nebel. Die Sonne wollte zwar sehr gern scheinen, sie bezeigte die allergrößte Lust dazu, aber der Nebel ließ sich nicht so schnell verjagen. Der hatte das ganze Dorf in dichte, weißgraue Schleier gehüllt, und es konnte gerade jeder noch seinen Nachbar sehen, mehr nicht. Es sah sehr lustig aus, wenn auf der Dorfstraße Gestalten im Nebel auftauchten und gleich darin wieder verschwanden. »Wie Rosinen im Mehl,« sagte Frau Knöpfle, des Jakobus Mutter.
Den Kindern schien der Nebel ein vergnügliches Ding zu sein, und Jackenknöpfle stellte die nachdenkliche Frage: »Ob’s mal so dicken Nebel gibt, daß mer die Schule nich findet?«
Die andern meinten zwar alle, dies würde sehr fein sein, und etliche strengten sich auch an, die Schule nicht zu sehen, sie sahen sie aber doch. Zum Überfluß klingelte Frau Besenmüller auch noch lauter als sonst, und die Kinder dachten schon: »Oje, vielleicht ist sie doch böse!« Aber die Schuldienersfrau war nicht mehr böse. Die hatte schon am frühen Morgen das Klassenzimmer blitzblank geputzt, hatte ein Blumengewinde um die Türe angebracht und einen Strauß auf das Pult gestellt. Es sah sehr festlich aus, und die Kinder staunten ehrfürchtig ihr Schulzimmer an; es wurde ihnen darüber auch ganz festlich zumute, und alle nahmen sich vor, sehr gut zu singen. Die Steinacher waren ein sangeslustiges Völkchen. Sie sangen gern und gut, aber Brummer gab es auch unter ihnen und solche, die nicht singen konnten, so gern sie vielleicht auch wollten. Unter den Kindern war Schwetzers Fritze ein rechter Brummer. Alle meinten, dem Buben wäre das gleich, aber da irrten sie alle, denn heimlich im Herzen bekümmerte es Fritze sehr, daß er so schlecht singen konnte. Er hätte manchmal gern recht aus dem Herzen heraus gesungen, wie er sich auch sehnte zu schwatzen wie die andern. Es war aber damit schlimm. Wenn er was sagen wollte, hatten es zwei andere schon gesagt, und wenn er singen wollte, rief selbst der gute Vater Hiller: »Hör’ auf!«
Schweigsam war Hinzpeters Malchen nun freilich nicht, und wenn sie sprach, hatte sie auch ein glockenhelles Stimmlein, aber singen, das konnte sie nicht. Sie sang immer ein paar Töne zu tief oder ein paar Töne zu hoch, sie rutschte mit ihrem Singsang immer aus, und wenn die andern in die Höhe kletterten, saß sie im Graben. Sie wurde darum die »Krähe« genannt, ein Name, der Malchen bitter kränkte, denn sie war so singlustig wie eine rechte Lerche. Daheim sang sie auch nach Herzenslust, und niemand störte sie. Ihr Vater meinte: »Ein Hahn kräht ja auch, die Schafe blöken, die Gänse schnattern, ja, warum soll da mein Malchen niche singen?«
Auch die alte Großmuhme sagte das. Sie war freilich ziemlich taub, sie erklärte aber doch: »Malchen singt sehre scheene, fast wie ’n Engel. Vielleicht gefällt’s auch dem neuen Herrn Lehrer besser, mer kann so was niche wissen.«