Daran nun dachte Malchen, als sie an diesem Nebelmorgen zur Schule wanderte. Ach, vielleicht konnte sie auch noch einmal so singen wie Pastors Regine. Sehr froh, sehr hoffnungsvoll trat sie in das Schulzimmer, und dort setzte sie sich so brav an ihren Platz, wie es an diesem Tag alle taten. Sie waren alle schrecklich neugierig, wie der neue Herr Lehrer sein würde, und als Vater Hiller mit seinem jungen Nachfolger das Zimmer betrat, war es, als wollten alle blauen, grauen und braunen Augen den neuen Herrn Lehrer verschlingen, selbst die Schüchternen starrten ihn unentwegt an. Der mußte ein wenig lächeln, als er die Kinder alle so vor sich sah, rechts die Großen, links die Kleinen, da die Buben, dort die Mädel. Er sah sich auch in dem großen Klassenzimmer um, das blinkte vor Sauberkeit, und seine schön mit Stuck verzierte Decke erzählte von glanzvoller Vergangenheit.
Vater Hiller sprach das Gebet, und dann begann der Gesang. Sorgsam hatte der alte Lehrer das Loblied eingeübt, festlich und rein sollte es klingen, dem neuen Lehrer zum Gruß. Daran, daß an einem solchen Tag die Brummer teilnehmen wollten an der allgemeinen Freude, hatte er freilich nicht gedacht. Malchen schmetterte zuerst los, Schwetzers Fritze folgte ihr, und als das die andern Brummer hörten, sangen sie unverzagt mit. Hui ging’s in die Höhe, bums saß Schwetzers Fritze in der Tiefe; Malchen war einen halben Takt voraus, Hans Neuber schleppte dreiviertel Takte hinterher.
Klapp! schlug Vater Hiller auf das Pult. »Stille! Was ist das für eine Singerei? Es darf nur mitsingen, wer es kann.«
Ein paar senkten verlegen ihre Köpfe, nur Malchen nicht, die dachte: »Ich kann’s doch, ich habe fein gesungen!«
Das Lied begann noch einmal, und hui entwischte Malchens Stimme wieder, die kletterte gleich bis aufs Dach. Die andern stockten, und ein paar murrten: »Die Krähe singt so falsch!«
Malchen wurde blutrot vor Schreck und Scham, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Malchen weinte gleich sehr heftig los, und Heines Marlise tat es ihr nach, und Vater Hiller ließ verdrießlich den Taktstock sinken. »Aber Kinder,« rief er ärgerlich, »was soll das? Schämt euch, so das Festlied zu singen! Wer heult, muß raus. Also eins, zwei, drei, jetzt noch einmal!«
Das half, die Mädel stellten das Weinen ein, die schlechten Sänger schwiegen, und nun brauste feierlich und rein im Klang der Lobgesang auf. Es ging glatt, nur beim letzten Vers mischte sich ein seltsamer Ton, ein Schnurren, Scharren und Schreien hinein. Kaum war das Lied verklungen, da riefen ein paar Stimmen: »Eine Katze, eine Katze!«
Vater Hiller war sehr sanftmütig und geduldig, er war auch immer mit seinen Schulkindern gut fertig geworden. An diesem Tage wurde er aber doch ärgerlich. Er hatte seinem jungen Nachfolger recht zeigen wollen, wie nett und brav seine Schulkinder waren. Nun gab es erst die verkehrte Singerei und jetzt das Geschrei einer Katze wegen. Er rief darum strenger als sonst: »Wo steckt denn die Katze? Wer hat eine mit?«
Alle schwiegen, eines sah das andere an, und merkwürdig, die Katze schwieg auch.
»Es ist ja keine hier,« brummte der alte Lehrer, »irgend jemand –«