Also war jemand oben gewesen, jemand hatte den Strick dorthin getan. Wozu? Warum? und wer war es gewesen? Die Frau seufzte schwer. Sie graulte sich und war neugierig, die Furcht trieb sie zurück, die Neugier wieder vorwärts. Sie stand und überlegte, sah auf den Strick, der seltsam in der Sonne glänzte und dahing, als müßte es so sein. Und just über den allerschönsten Rosenbüschen hing er, an denen die roten Früchte schimmerten und lockten.
Und Frau Besenmüller ließ sich locken. Schritt um Schritt kam sie näher, bis sie vor den Büschen stand. Sie pflückte rasch und eilfertig, rupfte und rupfte, und dabei blinzelte sie immer wieder nach dem Strick. Was tat denn der? Er schwankte und zitterte doch hin und her!
»Was nur damit ist? Müßte mal dran ziehen!« Frau Besenmüller überlegte das eben, als sie Schritte hörte; trapp, trapp kamen sie den Berg herauf.
Sie erschrak sehr, aber da begann ein lustiges Singen, und da Gespenster am hellichten Tage nicht Wanderlieder zu singen pflegen, beruhigte sie sich gleich wieder. Ein Weilchen lauschte sie dann, da sah sie Heinrich Fries den Weg emporkommen, und sie brummelte zufrieden: »Das ist mal recht, der sieht sich gleich gut um.« Alle Furcht war wie weggeblasen, nur die Neugierde war geblieben, und die trieb sie noch näher zu dem Stricke hin. Sie mußte doch sehen, wie der hierher kam. Was hatte so ein Strick hier zu diesem Loch, das früher ein Fenster gewesen war, herauszuhängen?
»Überall Unordnung! Ärgern muß mer sich alleweil,« schalt die Frau, griff rasch nach dem Strick und zog fest daran und –
Heinrich Fries hörte auf einmal ein lautes Geschrei, ein Poltern und Rasseln. Er brach jäh sein Lied ab und war mit ein paar Sätzen im Burghof.
»Hilfe, Hiiiilfe, uuh, uuh!« kreischte Frau Besenmüller. Die hielt den Strick in der Hand, schwankte mit ihm wie eine Fahne im Winde, während unaufhörlich Mauergeröll purzelnd von oben herabrieselte.
»Lieber Himmel, was ist das?« Der junge Lehrer hatte die Frau erreicht, er hielt sie fest. »Was ist geschehen? Lassen Sie doch den Strick los!«
»Huuhhu,« heulte Frau Besenmüller, »er – er – is – ja verhext!«
»Was, der Strick?« Heinrich Fries wollte auch danach greifen, aber er zog rasch seine Hand zurück. »Der klebt ja, der ist mit Vogelleim eingeschmiert.«