Die Schelme von Steinach. Seite 56.

Von der Kirche aus führte ein schmaler Weg zum Pfarrhaus hinüber. Das lag weiß und still in einem großen Garten, die Fenster standen offen, und die weißen Vorhänge flatterten und wehten, als wollten sie winken: »Komm herein, komm herein!« Doch Samstag nachmittag war keine Besuchszeit für ein Pfarrhaus, und darum blieb der junge Lehrer auch nur draußen am Zaun stehen. Vater Hiller hatte ihm viel Liebes und Freundliches von den Pfarrersleuten erzählt. Sieben Kinder waren in dem weißen Haus groß geworden. Sechs waren draußen in der Welt, lernten und schafften dort, und nur die Jüngste war noch daheim.

Ob das wohl die Sängerin war, die mir gestern einen so guten Trost ins Herz gesungen hat? dachte Heinrich Fries. Er brauchte nicht lange auf eine Antwort zu warten, denn drinnen im Garten hub die gleiche Stimme ein lustiges Liedchen an. Kinderstimmen fielen ein, und als der junge Lehrer weiterging, da sah er auf zwei langen Bänken viele kleine Mädel sitzen, die strickten und nähten, und ein junges Mädchen saß vor ihnen, schön und anmutig anzuschauen: Pfarrers Regine. Eine allzu strenge Lehrerin mußte sie nicht sein, denn man konnte nicht leicht etwas Vergnüglicheres sehen als diese Nähstunde im herbstlich bunten Garten.

Die Mädel saßen alle dort, aber wo mochten die Buben sein? Heinrich Fries sann darüber nach, als er weiterging. Er sah nur die Allerkleinsten auf der Gasse spielen, jene, die noch nicht am ersten Schultag zu seufzen brauchten: »Wenn doch erst wieder Ferien wären!« Die großen Buben waren alle unsichtbar, sie mochten wohl wieder auf einer der Obststraßen sein, denn nicht einmal ihr Rufen ertönte. Da und dort grüßte man den jungen Lehrer freundlich, der redete mit dem und jenem, und dabei wunderte er sich, daß niemand die Frage tat, wie es ihm hier gefalle. Er wußte nicht, daß die Steinacher meinten, ihr Dorf müsse eben jedem gefallen, weil es gar so hübsch war.

Als Heinrich Fries es nach allen Seiten hin durchwandert hatte, beschloß er, da die Sonne noch hoch stand, gleich noch den Schafskopf zu besteigen, um von dort aus das Land zu überschauen. Eine halbe Stunde, länger währte der Weg wohl nicht. Ein Bauersmann gab ihm bereitwillig Auskunft, welcher Weg zu gehen sei, und versicherte dabei: »’s ist recht sehre scheene oben, nur niche, wenn’s dunkel ist.«

»Warum? Spukt es vielleicht?«

Der junge Lehrer lachte, und der Bauer lachte auch. Er sagte nicht ja, er sagte nicht nein, in seinen Augen aber war ein lustiges Blinken, und Heinrich Fries dachte: »Wirklich, die Schelme scheinen noch nicht ausgestorben zu sein.« Er schlug den Weg nach dem Schafskopf ein, und um die gleiche Zeit tat dies Frau Besenmüller auch. Oben am Berghang gab es viele wilde Rosen, und ihre kleinen roten Früchte wollte Frau Besenmüller pflücken. Ihr Mann liebte den Hagebuttentee, meinte, er sei gut für allerlei Gebreste im Winter, und darum sorgte die Frau immer beizeiten für einen rechten Wintervorrat. Es war ihr immer ein schwerer Weg; sie ging nicht gern auf den Schafskopf, selbst nicht am Tage, abends wäre sie um keine Königskrone gegangen. Sie graulte sich, sie meinte immer, von den Schelmen säße noch etwa ein halbes Dutzend in irgendeinem Mauerloch zu allerlei Untaten bereit.

Weil sie sich fürchtete, rannte Frau Besenmüller; je schneller sie oben war, desto schneller war sie wieder unten. Sie kam daher auch viel früher oben an als der neue Lehrer und begann eilfertig zu pflücken. Die wilden Rosen hatten das alte Gemäuer dicht umzogen. Wo nur ein freies, sonniges Plätzchen war, gleich hatte sich so ein Rosenbusch hingesetzt und gedacht: Da bin ich und bleib’ ich, das ist nun mein Reich. Weil die Sonne immer so warm auf dem Schafskopf ruhte und niemand den Frieden dieses stillen Fleckchens störte, blühten die Rosen meist in üppiger Fülle, und ebenso ungestört wurden kleine, rote Hagebutten daraus.

Frau Besenmüller brauchte nur zuzugreifen, ribsch, rabsch, da füllte sich ihr Korb. Um den Turm herum, von dem freilich nur noch ein kümmerliches Restlein stand, wuchsen die meisten Rosen, und die größten Hagebutten gab es da. Wie sich die Schuldienersfrau nun dem Turme näherte, graulte sie sich wie immer etwas. Sie blickte an dem grauen Gemäuer empor. Nur auf der einen Seite gab es noch eine Fensteröffnung, und aus diesem Loch heraus hing ein Strick.

Frau Besenmüller schrie laut auf, als sie das sah. Sie rannte gleich den Berg wieder ein Stück abwärts. Wo kam der Strick her in dem verfallenen Turm? Von unten herauf starrte die Frau zu dem Strick empor, – ganz ruhig, unbewegt hing er da. Von den alten Herren von Steinach konnte er nicht mehr übrig geblieben sein, denn sooft Frau Besenmüller auch schon hier gewesen war, den Strick hatte sie noch nie gesehen.