Wieder klang der Befehl kurz und scharf, und wieder folgten die Buben ohne Besinnen. Sie stürzten sich mit wildem Eifer auf die Büsche, rissen ab, was ihnen unter die Finger kam, und Heinrich Fries mahnte: »Nur die Früchte, keine Blätter, Äste oder gar die halben Büsche!«
Da blinzelten die Buben ein wenig nach dem neuen Lehrer hin. Das letzte Wort klang ihnen fast wie ein Spaß, aber zu lachen wagten sie doch nicht, und obgleich sie eine Hagebuttenernte wenig lustig fanden, pflückten sie doch wie die Heinzelmännchen. Frau Besenmüller vergaß darüber vor Staunen jegliche Strafrede, trotzdem sie sich von ihrem Schreck schon wieder völlig erholt hatte. Sie saß auf einem Mauerrest, rieb sich die Hände mit der Schürze sauber und sah zu. »Wie ’ne leibhaftige Prinzessin,« dachte sie, obgleich sie mit ihrem blauen Kopftuch und der großen Küchenschürze nicht gerade einer Prinzessin glich.
Von den Buben kam auch keiner auf den Gedanken, Frau Besenmüller mit einer Prinzessin zu vergleichen, sie waren sogar alle miteinander etwas böse auf die arme Frau. Warum hatte sie nur gleich so geschrieen? Wegen so ’nem bißchen Vogelleim? »Sie brauchte doch nicht dranzufassen!« brummelte Jackenknöpfle. Aber er pflückte trotzdem so geschwind wie die andern. Ritsch, ratsch, da! Die roten Früchte kollerten in den Korb, und sehr bald war der voll und die Rosenbüsche kahl.
»So ist’s recht!« lobte der Lehrer. »Und nun tragen zwei der Frau Besenmüller den Korb nach Hause. Wer hat den Plan gehabt, den Strick zu leimen?«
Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann trat Arne vor. Er trug den blonden Kopf ganz hoch, und der junge Lehrer lächelte ein wenig, ein Heimlicher war der Bube nicht. Aber noch war Arne nicht am Korb, da faßte schon Schwetzers Fritze mit an.
»Also ihr beide seid die Anstifter? Na, gut –«
»Nä, Schwetzers Fritze nich, der niche!« Sechs Stimmen riefen es auf einmal, und Heinrich Fries sah etwas erstaunt auf Fritz. »Warum trittst du denn dann vor?«
Fritz hätte schon gern eine Antwort gegeben, aber so etwas mußte doch Zeit haben. Er blickte in die Luft, als käme eine Antwort vom Himmel herunter, und da sagte auch schon der neue Lehrer: »Vielleicht hast du’s gedacht?« Er nickte dabei den beiden ganz freundlich zu und mahnte nur noch: »Tragt den Korb aber vorsichtig, damit nichts verschüttet wird.«
Die beiden trabten los, Frau Besenmüller wanderte hinterher. Sie kam sich nun wirklich wie eine leibhaftige Prinzessin vor. Weil sie so schnell und sonder Plage ihre Hagebutten geerntet hatte, war ihr Herz mild und versöhnlich gestimmt, und vor dem Schulhaus sagte sie gnädig: »Wartet e’ bißchen, ihr sollt ’n Kuchen haben!«
Sie holte zwei mächtige Stücke herbei, von dem angeleimten Strick sagte sie nichts mehr, und Arne und Fritze fanden den Lohn auch nur gerecht. Sie zogen vergnügt von dannen, kauten mit vollen Backen und ahnten, sie würden bald ihre Gefährten treffen. So war es auch. Die kamen ihnen auf halbem Weg entgegen, und sie schrieen gleich: »Ihr eßt ja Quetschenkuchen!«