»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel.
Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten.
»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine Freundin.
Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!«
Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde jauchzten sie beide: »Wir sind da!«
Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide, in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein. Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!«
Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz.
Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten die Erwachsenen alles.
»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines, schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder, ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!«
Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und fragte zitternd: »Was tun wir?«