»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.«
Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum Forsthaus hin wie ein Windhund.
Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle Hausgenossen.
Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke dich, verstecke dich!« bat sie flehend.
Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein Vaterland so heiß und treu liebte.
Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen. Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß die Kleinen das heulen darüber vergaßen.
»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite Lisabetha, »hierher finden die nicht!«
Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus, daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!«
Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit, denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte, war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen.