»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen.

»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß er sich hier aufhält.«

»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig.

Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an, aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug, sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!«

»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte, wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt, sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten sie glücklicherweise nicht.

Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht, der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!«

Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine Freundin war.

Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus? Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien, schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling auf.

Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet?

Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.«