Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden. An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung unternehmen?«
Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh.
Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.« Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu: »Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er, wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein.
Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen Freundin entgegen: »Wir gehen mit!«
Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen, sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten hindurchgehen.
Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch, das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh, sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich, daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in schnellen Schritten dahergesprungen – es war Ferdinand.
Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen Sonnenlicht; ach – und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären? Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.«
»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!«
»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut.
Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann mußten sie Abschied nehmen.