»Und du?« fragte sie den Sohn traurig.

»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg zur Flucht.«

»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!«

Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch kann ich’s nicht wagen.«

Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen, denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten Franzosen das einsame Schloß heim.

Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage, aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei ihm aus.«

Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat wohl gut, sich verborgen zu halten.

Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im Schloß Moorheide einziehen.

Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?«

Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut unterbrach sonst die Stille.