Zweites Kapitel
Auf der Apfelstraße
Warum Besenmüller auf der Pflaumenstraße sitzt und Schwetzers Fritze seinen Himbeerapfel fortwirft – Der neue Lehrer findet die Begrüßung sehr seltsam, und Frau Besenmüller erscheint zur rechten Zeit
In Steinach am Wald blühten die Bäume an den Straßen nicht mehr, denn es war Herbst geworden. Auf jeder Straße hatte ein anderer Baum die Herrschaft, und die Steinacher redeten darum von einer Apfelstraße, einer Birnen- und einer Pflaumenstraße.
Die Bäume hingen voller Früchte, und keine Steinacher Hausfrau brauchte weder um Weihnachtsäpfel noch um Pflaumen zum Kuchen oder um Birnenschnitze für die Winterszeit in Sorge zu sein. Von allem gab es reichlich. Die Äste brachen fast unter der Last der reifen Früchte.
»Destowegen braucht das Kindervolk aber nicht immer auf die Bäume zu klettern oder drumherum zu kriechen,« sagte Besenmüller, der in dieser Zeit in Steinach das Amt eines Obstwärters ausübte. Das war nicht leicht. Spazierte nämlich Martin Besenmüller auf der Apfelstraße entlang, dann spielten die Kinder auf der Pflaumenstraße, und schrie da ein Bube »Besenmüller!«, flugs liefen alle zur Birnenstraße.
An einem Herbsttag, der heiß und sonnenleuchtend war, – man hätte ihn für einen Sommertag halten können – saß um die erste frühe Nachmittagsstunde Besenmüller auf der Pflaumenstraße und strickte. Das war eine Arbeit, die ihm manchen Spott eintrug. Die Steinacher Kinder waren unnütz genug, ihn oft neckend zu bitten: »Besenmüller, ich hab’ ’n Loch im Strumpf, geh, schenk mer ’n neuen!«
Dann tat Besenmüller zwar gewaltig böse, er schimpfte und schalt, und seine liebe Frau schalt noch mehr, aber der Mann blieb doch sitzen und strickte weiter. Und seine Frau sagte: »Strick’ nur, Besenmüller, was for ’s Gemüt muß der Mensch haben. Was für Stadtleute das Gelese und Klaviergespiele is, das is for dich das Gestricke. Laß dir deine Freude nicht verärgern!«
Besenmüllers Ärger ging aber nicht tief, und wenn er zankte, lag wohl ein heimliches Lachen in seinen Augen. –
Ein Vergnügen war es nun wirklich, so im Sonnenschein unter einem Baum zu sitzen und zu stricken. Besenmüller hatte einen rosenroten Strumpf vor, und seine Laune war auch rosenrot; er rief herzvergnügt »Guten Tag!«, als ein Bauer vorbeikam.