Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie: »Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte.

Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit England, Krieg mit der halben Welt.«

Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut, wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn. Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer. Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf.

Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland.

Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern und vom deutschen Heimatzauber.

Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!«

Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief, und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie, nie: Das Vaterland über alles!«

Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder. »Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das Unglück!«

»Schäm’ dich, Lydia, so redet keine deutsche Frau,« rief ihr Mann von der Treppe her. »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die nimmt ihr Herze fest in die Hände.«

Da schwieg Frau Besenmüller beschämt. Ihr Mann hatte recht, der hatte immer recht. Und stille nahm sie sich vor, so tapfer zu sein wie Frau Fries, die ihr Herz fest hielt und nicht weinte und nicht klagte.