»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden.
»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen. Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu.
»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie ’ne Brotschachtel.«
Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich. Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte, über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!«
»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich nicht bis zum Himmel hinauf sehen.
Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen.
»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren Frieden stören und unsere Sommerlust!«
Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde. Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre Sensen: bald, bald fängt die Ernte an.
So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht.
Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann hinaus!