»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.«
»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie der Vater.
»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,« sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern in Steinach geblieben!
Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit »vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze, obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte.
Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche. Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid, ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, – das waren alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich, endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne, kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns, Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!«
»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.«
Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt nur die alten Schelme auf, das is niche gut.«
»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.«
Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.«
Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt: »Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte. Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm.