Schwetzers Fritze schämte sich, daß er weinte, und er konnte doch nicht anders. Es gibt halt Stunden, in denen auch ein Bube nicht ohne Tränen fertig werden kann. Sein Lehrer spürte, hier gab es wirkliches Herzeleid, und viel freundlicher als sonst klang seine Frage: »Wo fehlt’s denn, Fritze, was bedrückt dich?«

»Weil – weil – Sie in ’n Krieg gehen un – nu totgeschossen werden!« Fritz stieß es heraus und umklammerte laut schluchzend des Lehrers Hand. Der strich ihm sacht über den Struwwelkopf. »Na, na, mein Junge, so schlimm braucht es doch nicht gleich zu werden. Tut’s dir denn so leid?«

Der Bube nickte nur. Er rang mit den Worten, denn er hätte seinem Lehrer in dieser Abschiedsstunde gern gesagt, daß er ihm gut war und die Schule liebhatte, daß er sich sehnte, so zu werden wie dieser. Aber ach, einem Schweiger purzeln die Worte eben nicht so flink aus dem Munde!

Ganz langsam kamen sie nur, tropfenweise, aber Heinrich Fries verstand auch jene, die ungesagt blieben, er verstand, daß Fritze ihn sehr liebhatte.

Es war ihm eine Überraschung. Neun Monde lang war der Bube sein Schüler gewesen, und er hatte gar oft in der Zeit gedacht, der ist ein Trotzkopf, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Und nun in der Abschiedsstunde tat sich ihm Fritzes Herz auf, und er lernte verstehen, wie schwer es ist, Schwetzer zu heißen und ein Schweiger zu sein. »Lieber, lieber Junge, du!« dachte der Lehrer, »dich hab’ ich nun so verkannt!«

»Ich – ich – will mit.«

»Mit in den Krieg? Das geht nun doch nicht, Fritz.« Heinrich Fries sah zu seiner Mutter hinüber. Die stand ein wenig gebeugt, wie niedergehalten von schwerer Last mitten auf der sonnigen Straße. Sie weinte nicht, aber der Sohn wußte, ihr blutete das Herz in dieser Abschiedsstunde. Da sagte er rasch: »Fritz, mitziehen kannst du nicht, das weißt du, aber du kannst mir etwas zuliebe tun. Willst du?«

Fritz nickte heftig, ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, bat sein Lehrer: »Geh oft zu meiner Mutter, besuche sie und habe sie lieb. Sieh mal, sie ist nun so allein. Sie braucht jemand in dieser Zeit!«

Heinrich Fries hielt Fritz die Hand hin, und der schlug fest ein. »Ich will,« sprachen seine Augen, und der junge Lehrer sagte nur: »Ich danke dir.«

Das war der Abschied zwischen den beiden. Fritz rannte davon, querfeldein, es brauchte keiner zu sehen, wie traurig er war. Heinrich Fries aber ging mit seiner Mutter die Apfelstraße hinab bis zu dem kleinen Bahnhof. Der war heute so voller Menschen, als sei Steinach auf einmal eine Stadt geworden. Aus ein paar Nachbardörfern trafen sie hier zusammen, zehn Mann waren es, die mit dem jungen Lehrer zusammen die Heimat verließen. Sie hatten Blumen an Röcken und Mützen stecken und sangen wie viele Millionen in diesen Tagen: »Deutschland, Deutschland über alles!«