Das Bähnchen pustete heran, an drei Haltestellen hatte es schon Reisende aufgenommen. Die standen an den Fenstern, schwenkten die Hüte und riefen den Steinachern zu: »Hurra, nun kommen die Schelme von Steinach. Na, vor denen reißen die Franzmänner sicher aus.«

Die Steinacher nahmen den Scherz nicht übel. Frohgemut kletterten sie in die Wagen. »Die Feinde sollen uns kennenlernen,« jauchzten sie, »die Schelme verstehen das Dreinschlagen!«

Der Zug brauste davon. Der Gesang verhallte, und die Zurückbleibenden gingen still heim. Frau Fries blieb ein wenig zurück, sie wollte allein sein. Als sie aber dann, ein Stückchen hinter den andern, die Apfelstraße entlang ging, kletterte Schwetzers Fritze auf einmal aus dem Graben heraus. Er schob, ohne ein Wort zu sagen, seine Hand einfach in die der alten Frau. »Willst du mich heimbringen, mein Junge?« fragte diese.

Fritze nickte und brummelte halblaut dazu: »Der Herr Lehrer hat’s gesagt.«

Frau Fries dachte an ihres Sohnes Wort in letzter Minute: »Mutter, wenn Fritz Schwetzer zu dir kommt, denke, er kommt von mir.« Sie hielt die Bubenhand fest in der ihren, und so gingen sie beide still miteinander in das Dorf zurück. An der Haustüre trennten sie sich, und Frau Fries sagte laut: »Auf Wiedersehen!« Fritz dachte es nur, aber seine neue Freundin verstand ihn doch.

Auch dieser Tag ging zu Ende. Der Abend dämmerte herauf, ruhvoll und schön glänzten die Sterne am Himmel, und viele, viele Seufzer, viele heiße Bitten stiegen zu ihnen empor. Die Züge fuhren unablässig durch das Land, und selbst in Steinachs Stille hinein tönte ihr Brausen.

Frau Fries hörte es. Sie hörte das Ticken der Wanduhr, das schwere, lange Schlagen des eigenen Herzens die lange Nacht hindurch. Endlich, als der Morgen sich aus den Schleiern der Nacht löste, hielt sie es nicht mehr aus im Zimmer, sie rüstete sich zum Ausgang und stieg leise die Treppe hinab. Sie wollte Besenmüllers nicht stören, aber unten am Fuß der Treppe tat sie doch einen Schrei, denn sie stieß an einen weichen, dunklen Gegenstand. Zusammengerollt lag da etwas am Fuß der Treppe.

»Meine Güte, nä, unsre alte Frau Lehrerin!« Frau Besenmüller hatte auch nicht schlafen können vor Herzeleid um den Krieg. Sie riß ihre Türe auf und zündete ein Streichholz an, der Flur lag noch in tiefem Schatten. »I nä, so was,« schrie sie, »da liegt ja woll ’n Junge und schläft.« Zisch, entzündete sie noch ein Hölzchen, und in dem kleinen Licht erkannte Frau Fries Fritze Schwetzer in dem Schlafenden.

»Still, still, Frau Besenmüller,« mahnte sie rasch, »wir wollen den Buben nicht wecken, ich trag’ ihn in mein Zimmer.«

»I nä!« Frau Besenmüller sperrte den Mund weit auf, noch schiefer als sonst wurde der. Sie war so verdutzt, daß sie nichts mehr zu sagen wußte, sondern vor lauter Verwunderung half, Fritze hinauf in das Wohnzimmer von Frau Fries zu tragen. Auf das schöne, moosgrüne Samtsofa wurde der Bube gelegt, und wieder sagte Frau Besenmüller nur »I nä!« Weiter nichts.