»Gehen Sie leise aus dem Zimmer,« bat Frau Fries, und Frau Besenmüller tat, als wäre die Elfenkönigin ihre Muhme, so schwebte sie. Dabei stieß sie freilich an den Tisch, rannte zwei Stühle fast um, eckte am Schrank an, die Tür rutschte ihr aus und fiel krachend in das Schloß, und zuletzt purzelten noch ihre Holzpantoffeln die Treppe hinab, sie selbst glücklicherweise nicht. Aber all dies Gepolter, Gekrach und Gelärm störte Schwetzers Fritze nicht, der schlief ruhig weiter auf dem grünen Samtsofa, so ruhig, als wäre das sein Bett.
Frau Fries saß neben ihm und freute sich über den kleinen stummen Gast. Wie er nur in das Schulhaus gekommen war? Ob er sie vielleicht hatte beschützen wollen und darum auf der Treppe geschlafen hatte? Trotz ihres Leides mußte die Frau lächeln, und sanft streichelte sie den Buben ein wenig. Von Frau Besenmüllers Gepolter war der nicht erwacht, aber das sachte Streicheln machte ihn munter, er reckte und streckte sich und sah dann die alte Frau Lehrerin namenlos verwundert an. Wo kam die nur auf einmal her, und warum war sein Bett ein grünes Sofa geworden? Aber Frau Fries verstand es mit einem zu reden, der für jedes Wort Vorspann braucht. So nach und nach kam es heraus, Fritze hatte wirklich seines Lehrers Mutter bewachen wollen und hatte sich darum an die Treppe gelegt. Daheim war er so in der Mitte drin. Ein paar große Schwestern gab es und ein paar winzige Brüderlein, und in dem lebhaften Haus hatte es wohl niemand gemerkt, daß er fehlte.
»Wer im Schulhaus schläft, muß auch drin frühstücken,« meinte Frau Fries. Sie richtete den Kaffeetisch, und Fritz saß nachher daran wie ein Großer, nein, eigentlich wie ein Graf, dachte er. Und dann entdeckte seine neue Freundin ein Loch in seiner Jacke, das flickte sie ihm noch zu, und darüber wurde es dem Buben immer heimatlicher im Schulhaus. Er seufzte ein wenig, als Frau Fries sagte: »Nun mußt du aber nach Hause gehen.«
»Hm!« – eine lange Pause – »nachmittag komm’ ich wieder.«
»Das ist recht so, also auf Wiedersehen!« Frau Fries lächelte wieder, und als ihr Besuch die Treppe hinabstapfte, dachte sie: »Wenn es doch schon Nachmittag wäre!«
Sie brauchte sich freilich nicht vor der Einsamkeit zu fürchten, denn sie blieb nicht allein. Kaum war Schwetzers Fritze mit hocherhobenem Kopf stolz an Frau Besenmüller vorbei zur Türe hinausgegangen, da tat sich die Türe schon wieder auf. »Als ob’s Schultag ist,« brummelte Frau Besenmüller. Diesmal war es Pfarrers Regine. Die kam in ihres Herzens Not zu Frau Fries. Sie wollte auch hinaus, wollte draußen pflegen, helfen, ihre Kräfte regen, den Sturm miterleben, nicht im Winkel in der Stille sitzen bleiben. Aber ihre Mutter war krank; konnte sie die verlassen?
»Wie sollte das werden, wenn jeder von seinem Posten davonlaufen möchte?« gab ihre alte Freundin zur Antwort. »Wer daheim Pflichten hat, muß erst die erfüllen.«
»Aber draußen wird es so viel Arbeit geben, so viel Leid und Not!« klagte Pfarrers Regine.
»Warten Sie nur ab, mein Kind, das Leid kommt auch zu uns, auch hier wird es Arbeit geben, hier werden Sie trösten und helfen können.«
Klipp, klapp ging’s draußen, und Frau Besenmüller lief ins Zimmer hinein. Sie vergaß alle Höflichkeit, vergaß anzuklopfen, sie jammerte laut: »Bei Traugotts, den Müller-Traugotts, ist ’n kleines Mädel angekommen, un nu muß heut’ der Mann weg un beide Knechte. Nä, und die Male, was das Mädchen ist, heult, weil ihr Schatz mit muß. Sie will nach Wiesen gehen, Abschied nehmen. Nä, so was!«