Da küßte Pfarrers Regine die alte Frau Lehrerin und sagte tapfer: »Ich will zu Traugotts gehen und der Frau helfen. Ich will in Steinach bleiben auf meinem Posten.«

Klipp, klapp ging’s wieder draußen. Diesmal klopfte der Besucher an, fest und laut, Frau Besenmüller riß die Türe auf und schrie: »Nä, so was, nu ist Schwetzers Fritze schon wieder da!«

»Ich darf bleiben.« Fritze druckste die Worte heraus und sah strahlend zu seiner neuen Freundin auf.

»Ih, das könnt’ uns gerade passen,« knurrte Frau Besenmüller, »so ’n Nichtsnutz zur Ferienzeit im Schulhaus! Nä, git’s nicht, raus mit dir!«

»Frau Besenmüller möchte gern Wasser getragen haben, Fritze; willst du das wohl tun?« fragte Frau Fries in ihrer sanften Weise.

»Hm,« Fritze nickte nur. Er wußte, wo die Eimer standen, wußte, wo der Brunnen war; die alte Frau Lehrerin wünschte es, also ging er und trug Wasser. Frau Besenmüller aber saß in ihrer Küche auf der Ofenbank und sagte nur immerzu: »Nä, so was, die Welt dreht sich um und um, nu trägt mir Schwetzers Fritze Wasser, und draußen ist Krieg.«

Frau Besenmüller gab dann freilich das Verwundern bald auf, zu viele Wunder geschahen in dieser Zeit. Da schwiegen im Lande Streit und Hader, eigensüchtige Ichmenschen wurden freundliche Helfer, alle dachten sie nur: »Das Vaterland ist in Gefahr, Herr Gott, hilf uns!«

Die Glocken sangen über die Lande, Fahnen wehten: Sieg, Sieg! In den Siegesjubel hinein aber tönte die Klage: »Ostpreußen in Not, in Ostpreußen hausen die Russen, als wären die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges angebrochen.«

Pfarrers Regine lüftete die Fremdenzimmer, überzog Betten, suchte Truhen und Schränke durch, das Pfarrhaus wollte Flüchtlinge aufnehmen. Frau Fries aber ging von Haus zu Haus, und Schwetzers Fritze folgte ihr. Sie bat um alles, was Hausfrauen entbehren konnten, der Landsleute Not in Ostpreußen zu lindern. Die Steinacher Bäuerinnen gaben gern, und im Schulhaus wurden Kisten gepackt für die Ostpreußen. Dazwischen kamen die Frauen aus dem Dorfe und fragten: »Wie machen wir’s, daß unsere Männer und Söhne alles richtig ins Feld bekommen? Dies soll verschickt werden und das; wie packen wir es ein? Was schreiben wir darauf?«

Und immer wußte Frau Fries Rat. Frau Besenmüller brummelte freilich: »Unsere alte Frau Lehrerin soll ja wohl zehn Hände und fünf Köpfe hab’n. Nä, so was! Ein Getrample, ’s ist schlimmer, als wenn Schule wär’.«