Und dabei rannte Frau Besenmüller doch selbst die Treppe auf, die Treppe ab, als wäre sie sechzehn Jahre, nur um ihrer Hausgenossin zu helfen. Am allerflinksten aber rannte sie, wenn sie von ferne den Briefträger erblickte, aber sie erreichte ihn nie zuerst, immer war Schwetzers Fritze schon da. Und Frau Fries erfuhr es schnell, wenn ein Brief von ihrem Sohne da war. »Ein Brief vom Herrn Lehrer,« gellte Fritzens Stimme auf. Vielfaches Echo antwortete, von da und dort kamen Mädel und Buben gelaufen, und der Brief war wie ein König, der mit großem Gefolge in sein Schloß einzieht.
Doch wie im Lehrerhaus, so wartete beinahe in jedem Bauernhaus eine Mutter, eine Frau auf ein Wort, das von draußen hereinklang. Der alte Briefträger Klöppel hatte kurz vor dem Kriege sein Amt aufgegeben gehabt. Er lief nun aber wieder mit der Tasche, weil die jungen Männer alle draußen waren, dachte unterwegs immer an die Briefe und Karten, die er trug. Der hat geschrieben und der, überlegte er, aber die Knöpfle wird warten, je, je, so lange kein Brief! Von Pfarrers schreibt nur einer, eigentlich müßten’s zwei heute sein. Warum schreibt der andere nicht? Ist dem was zugestoßen?
Früher hatten die Steinacher Mädel und Buben sich kein bißchen um Briefe gekümmert, das waren für sie Dinge, an denen nur Erwachsene Freude hatten. Jetzt war es auf einmal anders geworden, und als Schwetzers Fritze selbst vom Herrn Lehrer eine Feldpostkarte bekam, da beschlossen alle seine Kameraden und Kameradinnen: »Wir schreiben auch, wir woll’n auch was kriegen.«
Etliche liefen auch geschwind zu der ganz kleinen, dicken Krämersfrau Laura Langbein und verlangten einen feinen Bogen, aber nur etliche feine Bogen wurden Briefe, die in den Krieg reisen konnten, auf den andern wimmelten die Kleckse nur so herum wie Fliegen auf einem Honigbrot.
Schwetzers Fritze hatte zwar drei Bogen verschrieben, aber zuletzt hatte er doch einen vier Seiten langen Brief fertiggebracht. Freilich standen auf jeder Seite nur fünf Wörter, doch das schadete nichts. Brief ist Brief, und stolz zeigte er seinem Freund Arne das Schriftftstück.
»Fein,« lobte der, »aber Briefe schreiben ist nischt, ich geh’ selbst raus. Willste mit?«
»Nä.« Fritze sah den Freund verdutzt an, er schüttelte bedachtsam den Kopf, das ging doch nicht.
Webers Arne war anderer Meinung. Er hatte sich schon alles fein ausgedacht, einen richtigen Kriegsplan hatte er entworfen, und eifrig erzählte er, wie er es machen wollte. Höchst einfach war es. »Gehste mit?« fragte er wieder.
»Nä,« gab Fritze zur Antwort.
»Bist dumm,« brummte Arne und erzählte weiter. »Gehste mit?« fragte er zum dritten Male, und wieder rief Fritze: »Nä.«