»Och, so feige!« kreischte Arne. Doch da verlor Fritze die Geduld, puff, puff ging’s los. Einmal lag Arne unten, einmal Fritze. Weil sie ziemlich gleich stark waren, bekam jeder Prügel. Der Kampf blieb unentschieden, weil Frau Besenmüller mit ihrem Wappenzeichen, einem Besen, dazwischentrat; mit Frau Besenmüller wollten sie aber beide nicht kämpfen. Sie ließen sich los. Arne raffte seine Mütze vom Boden, Fritze nahm den Brief vom Fenstersims, auf das er ihn vorsichtig gelegt hatte, und im Davonlaufen schrie der eine noch: »Ich geh doch!« und der andere: »Nä.«

Zwölftes Kapitel
Zwei wollen Helden sein

Frau Besenmüller sagt, es wären hundertvierunddreißig Strümpfe, und an einem Tag werden vier Strümpfe und zwei Buben vermißt – Zimplichs Max will auch hinaus – Malchen Hinzpeter denkt nicht ans Mundhalten, und ein Bahnwagen fährt nicht immer dahin, wohin die Reisenden wollen – Hindenburg unterhält sich nicht mit den Steinacher Buben, und Antwerpen fällt

Die Ruhestunden waren knapp in diesen ersten Kriegswochen. Doppelte Last lag auf den Schultern der Daheimgebliebenen, und in Steinach mußten auch die Kinder helfen die Ernte einbringen. Die Ferien gingen vorbei, die keine Ferien gewesen waren, aber die Schule begann nicht, der Lehrer fehlte. Zum lustigen Spiel blieb freilich wenig Zeit. Der Schelmenacker lag öde, und auf dem Schafskopf hätten die Geister der alten Schelme nach Herzenslust spuken können, es störte sie niemand. Selbst Besenmüller saß nicht mehr auf der zerbröckelten Mauer im Sonnenschein, der blieb auf der Bank vor dem Schulhaus sitzen. Da hörte er es doch, wenn es wieder einen Sieg gab, oder wenn einer von draußen geschrieben hatte. Dazu strickte er Strumpf um Strumpf, kein Weiblein im Dorf konnte es flinker und besser als er. Hatte er wieder ein paar Strümpfe fertig, dann seufzte er wohl und sagte zu seiner Frau: »So hab’ ich’s mir nu mein Lebtag gewünscht, immer Wolle zu haben, viel Wolle und stricken zu können alle Tage. Nä, und nu macht’s mir kein rechtes Vergnügen.«

Eines Tages wusch Frau Besenmüller siebenundsechzig Paar rosenrote und himmelblaue Strümpfe und hing sie vor dem Schulhaus zum Trocknen auf. Sie fürchtete, sie könnten abfärben, und rote und blaue Beine sollten die Feldgrauen draußen nicht bekommen. »Sie werden sich ohnehin ärgern über die bunten Strümpe,« klagte die Frau, als sie die stattliche Reihe überschaute.

»I nä, Lydia,« tröstete Besenmüller, »ob ’n rotes oder blaues Bein im Stiefel steckt, ist gleich. So sehr ich for Strümpfe bin, Stiefeln sin die Hauptsache.«

»Du hast alleweil recht,« sagte seine Frau. Sie schaute bewundernd auf die bunte Pracht, wie ein Festschmuck sah sie aus. »Hundertvierunddreißig Strümpe,« rief sie stolz, »nä, die beim Roten Kreuz werden staunen!«

»Hundertdreißig,« brummelte Schwetzers Fritze von der Tür her. Dort saß er und wartete auf Frau Fries; inzwischen hatte er die Strümpfe gezählt. »Hundertvierunddreißig, du Naseweis,« rief Frau Besenmüller ärgerlich, »was ich weiß, das weiß ich.«

»Nä, hundertdreißig.« Fritze blieb dabei.