Inzwischen war auch Silvia heimgekehrt unter dem Schutz der Mutter. Die hatte das weinende, zitternde Kind zu Bett gebracht und hatte neben ihr gesessen, bis sie meinte, es schlief.
Aber Silvia schlief nicht. Die lag wach im allergrößten Herzeleid. Sie wußte kaum, worüber sie trauriger war, über den Zopf, den sie der Kameradin abgeschnitten hatte, oder über ihre Faulheit. Plötzlich fiel es ihr ein, wenn sie nun strickte, immerzu strickte, Tag und Nacht, dann wurden doch die Strümpfe fertig. Sie stand auf und tastete sich vorsichtig hinaus; sie wußte, wo Zündhölzer lagen und ein Öllämpchen stand, das holte sie sich, nahm ihr Strickzeug und begann zu stricken, Nadel um Nadel. Und auf einmal war der Strumpf fertig und gleich wieder einer und immer mehr und mehr, die türmten sich auf, ein Berg wurde es, ein hoher, hoher Berg, und oben saß Malchen Hinzpeter und schwang ihren Zopf; sie schlug damit auf die Strümpfe, und merkwürdig, das klirrte und klang, und Silvia schrie laut vor Schreck.
»Aber Silvia, um Gottes willen, was ist das?« Silvias Mutter war von einem Klirren aufgewacht und hinübergelaufen in ihres Mädels Kammer. Da lag das Laternchen zerbrochen am Boden; glücklicherweise war es ausgegangen, und Silvia lag auf dem Bett, ihren Strickstrumpf fest umklammernd. Sie war eiskalt, und danach wurde sie glühend heiß. Sie hatte heftiges Fieber, und in dem Fiebertraum klagte sie immer, sie wolle etwas für das Vaterland tun. Ein paar Tage war Silvia krank, und in dieser Zeit erschloß sich ihr Herzlein der Mutter, von ihrem Willen redete sie, viel, ja ungeheure Taten für das Vaterland zu vollbringen.
»Lieber Himmel,« sagte Frau Traugott, »was kann so ein Dreikäsehoch in dieser furchtbaren Zeit tun!« Sie redete lind und gut zu ihrem Kind, und dann lief sie zu Pfarrers und holte Fräulein Regine herbei. Die kam auch, und sie wußte Silvia gut zu raten und zu helfen, sie hatte ja selbst anfangs gemeint, die stille Arbeit daheim in Steinach sei zu klein, zu unbedeutend.
»Ich will stricken,« sagte Silvia demütig und sah sich wieder nach ihrem grauen Strumpf um.
»Erst gesund werden,« riet Fräulein Regine, »dann kommst du wieder in die Strickstube.«
Silvia seufzte bang. In der Strickstube war Malchen, da waren alle andern, die würden böse sein, würden spotten und lachen – wie schwer würde das sein!
Aber es wurde gar nicht schwer, denn Malchen Hinzpeter hatte ein gutes kleines Herz, und als sie von Fräulein Regine hörte, Silvia sei krank, da kam sie geschwind angelaufen. Sie versöhnten sich beide und waren Freundinnen wie zuvor nach Besenmüllers Wort, der immer sagte: »Beim Dummtun und Bösesein kommt nischte nich heraus.« Immer wieder versicherte auch Malchen: »Fein is das ohne Zöpfe!«
Freilich, bei Silvias erstem Schulgang wollten die Buben spotten über die zopflosen Mädel, aber da kamen sie bei Malchen schlecht an. Der ihr flinkes Zünglein gab jedes Wort doppelt zurück, und zuletzt rief sie stolz: »Und die Zöpfe wer’n verkauft, un für das Geld gibt’s Wolle, und da stricken wir Strümpfe davon!« Sie sah die Necklustigen strafend an. »Könnt ihr so was?«
Nein, Zöpfe konnten sie sich nicht abschneiden, und Strümpfe konnten sie auch nicht stricken; trotz Besenmüllers Vorbild.