»Ich hab’ beinahe wieder ’n Paar fertig,« schwätzte neben ihr Malchen Hinzpeter. »Fein, was?«

Silvia gab keine Antwort, Tränlein um Tränlein rann auf das graue Wollgespinst nieder. Ihre Hände zitterten, und auf einmal bekamen die Nadeln die ungeschickten Hände satt, sie rissen aus, eine, dann noch eine, die dritte hielt Malchen auf. Die sah das Unheil und sah Silvias Schmerz, und hilfsbereit sagte sie schnell: »Ich helfe dir.«

Silvia hörte das kaum. In ihr stürmte es. Nichts, nichts hatte sie für das Vaterland getan, gar nichts, und doch hatte sie so viel tun wollen. Immer heftiger rannen ihre Tränen, und Malchen tröstete: »Die fang’ ich schon, wein’ doch nicht!«

Aber Silvia dachte gar nicht an die entwischten Nadeln. Das Herz brannte ihr. Oh, nur etwas tun können für das Vaterland, nur zeigen dürfen, wie gut ihr Wille war! Ganz jäh kamen ihr die abgeschnittenen Zöpfe des blonden Edelfräuleins in den Sinn. Ihre waren zwar dunkel wie die von Malchen, aber das schadete gewiß nichts. Zopf ist Zopf. Ihre Nachbarin hatte eine Schere vor sich liegen, die sah sie, obgleich ihr die Tränen fast den Blick verdunkelten. Ach, ein Zopf ist schnell abgeschnitten! Eins, zwei, drei, ritsch! nur flink gleich alle beide.

»Au!« kreischte Malchen neben ihr auf, »huhuhu, mein Zopf, mein Zopf! Silvia hat mei – –,« weiter kam Malchen nicht, sie brach in ein wildes Jammergeheul aus.

Es war, als wäre ein Wirbelsturm in die Strickstube gefahren. Zuerst wußte im wilden Hinundher niemand, was geschehen war. Malchen schrie vor Schreck und Empörung immer lauter, ihre Nachbarinnen zeterten: »Der Zopf, der Zopf!« Nur Silvia stand leichenblaß, stumm inmitten des Wirrwarrs, zwei Zöpfe hielt sie in der Hand, der eine war braun, der andere schwarz, aber rote Schleifen hatten sie beide.

»Traugotts Silvia hat Hinzpeters Malchen einen Zopf abgeschnitten, sich selbst aber auch einen.« So nach und nach erst bekamen Frau Fries und Fräulein Regine heraus, daß dies geschehen war. »Warum? Silvia, warum hast du das getan?«

Silvia gab keine Antwort. Sie konnte nicht, sie tat ein paarmal die blassen Lippen auseinander, aber kein Laut kam hervor. Frau Fries sah es, die Kleine konnte nicht sprechen, sie nahm sie sacht bei der Hand und führte sie zu sich hinauf. Vielleicht erschloß sich ihr allein das scheue Herz. Aber Silvia brach oben nur in ein verzweifeltes Weinen aus, sie weinte und weinte und hörte auch nicht auf, als ihre Mutter kam.

Unten hatte sich Hinzpeters Malchen viel schneller über den verlorenen Zopf getröstet. Sie lachte schon wieder, als Silvia oben vor Leid noch fast verging. Zimplichs Lenchen hatte nämlich mitten in das Jammergeheul hineingerufen: »Jetzt biste beinahe wie ’n Junge.«

Dies Wort trocknete wie der Wind Malchens Tränen. Wie ein Junge herumgehen dürfen, kurzgeschnitten, ohne Zöpfe, von denen man doch immer die Bänder verlor, das war noch eine Sache. Am liebsten hätte sie nun geschwind gleich den zweiten Zopf abgeschnitten, doch das litt Fräulein Regine nicht. Die schloß für heute die Strickstube und erklärte, sie selbst wolle Malchen heimbringen. Das wollten aber alle andern auch, und so wurde Hinzpeters Malchen wie eine Prinzessin heimgeleitet. Fräulein Regine trug selbst den abgeschnittenen Zopf und erzählte Frau Hinzpeter auch die merkwürdige Geschichte, und Malchen kam sich ungeheuer wichtig vor. Die Mutter sah nicht gerade erfreut aus, sie verwunderte sich sehr über Silvias Untat, aber sie war keine Frau, die viel unnütze Worte machte. »Meinetwegen mag auch der zweite Zopf herunter,« sagte sie, »so halbseitig kannste niche rumlaufen.« Und ritsch, ratsch schnitt sie den zweiten Zopf ab, und Malchen jauchzte laut, als wäre ihr das größte Glück widerfahren. –