Das verstand Silvia nun ganz und gar nicht. Was hatten die dicken, grauen, häßlichen Strümpfe mit glänzenden Heldentaten, mit Sieg und Ruhm zu tun?

Als daher die Weihnachtspakete gepackt wurden, lag von jedem Mädel, das in Steinach stricken konnte, eine Arbeit dabei, nur Silvia Traugotts Strümpfe waren nicht fertig. Alle sagten, das sei eine Schande. Silvia schämte sich auch sehr, aber trotzdem träumte sie weiter von großen Taten, wenn sie stricken sollte, und vergaß darüber ihre Arbeit.

Die Kinder redeten viel davon, daß ihr junger Lehrer Heinrich Fries gefangen sei. Silvia weinte heiße Tränen um ihn. Sie meinte, er säße nun in einem finstern, dunklen Turm und müßte hungern. Wenn es nur nicht so weit gewesen wäre, und wenn sie nur den Weg gewußt hätte, sie wäre gleich zu ihm gewandert, hätte ihm Essen gebracht und ihn vielleicht auch befreit. Ja, wären nur die vielen dummen Wenn und Aber nicht gewesen, diese bösen Wörter, die sich stets so höhnisch in die allerschönsten Pläne hineinschieben! Immer, wenn Silvia sich etwas recht schön ausgedacht hatte, kam so ein Wort, nahm den Plan und riß ihn mitten durch, – ritsch, ratsch, nichts war es damit.

Weihnachten kam, und Weihnachten verging. Die laute Freude schwieg, und viele, viele Tränen flossen an dem sonst so frohen Fest. Gabentische, die fast brachen unter der Fülle, kannte man auch in guten Jahren in Steinach nicht, aber in diesem Jahr lagen in den meisten Häusern nur wenige Geschenke unter dem Baum. Silvia bekam eine neue Schürze und ein Buch, das hatte eine Base aus der Stadt geschickt. In dem Buch stand, wie es vor hundert Jahren in Deutschland gewesen war, als jahrelanger Krieg das blühende Land verwüstet hatte. Was Silvia da las, verwirrte ihren kleinen Kopf ganz und gar. Da stand von einem Mädchen, das als Soldat mit in den Krieg gezogen war, eine andere hatte sich ihre langen Haare abgeschnitten als Opfer für das Vaterland. Warum sie es getan, verstand Silvia zwar nicht recht, aber schön fand sie es, und sie träumte nun wieder davon, es dem schönen, blonden Edelfräulein von einst nachzutun. Es mußte doch etwas sehr Schönes, Großes sein, sich die Haare abzuschneiden, wenn es nach hundert Jahren noch in einem Buche erzählt wurde.

Silvia dachte an die abgeschnittenen Zöpfe und nicht an ihren Strumpf, und als sie nach den Feiertagen zum erstenmal in die Strickstube ging, wie es Fräulein Regine nannte, da war der Strumpf noch immer nur ein unförmliches Ding. Die Strickstube tagte jetzt immer im Schulhaus, Frau Fries half dabei, und Besenmüller war Ehrengast. »Der sitzt da als Vorbild,« sagte seine Frau, »denn mein Besenmüller ist in der Strickerei, was Hindenburg for die Soldaten ist.«

An diesem ersten Nachmittag las Frau Fries ein paar Briefe vor, die den weiten Weg von Frankreich und Rußland bis nach Steinach gereist waren, um den kleinen Mädeln von Steinach Dank für alle gestrickten Sachen zu sagen. Für alle war der Dank, nur für das Traumsuschen Silvia Traugott nicht. Ein Soldat schrieb, er hätte tagelang halb im Wasser gestanden, hätte keine trockenen Strümpfe, gar nichts mehr gehabt, da wäre das Paket von Steinach gekommen, und er hätte weinen müssen vor Freude über alle die schönen Weihnachtsgaben. Frau Fries tat das Herz weh, als sie es las, so wie jener hätte sich ihr Sohn wohl auch gefreut, aber ihr Sohn war gefangen, noch hatte kein Gruß ihn erreicht. Sie wußte nicht einmal, ob er noch lebte, ob er nicht schon einsam und verlassen im Feindesland gestorben war.

Die Mädel hörten alle nicht, wie das Mutterherz weinte, sie waren alle glückselig über die Briefe. Nun hatten sie doch etwas getan, hatten für das Vaterland gearbeitet. Sie alle, alle, nur eine nicht, Silvia nicht.

Die saß wie erstarrt. So war es, wie der Soldat schrieb, im Wasser standen sie, nicht trocken wurden sie, und sie freuten sich, wenn sie Strümpfe bekamen, sie dankten dafür, als wären es die allerköstlichsten Dinge.

»Ich glaube,« las nun Pfarrers Regine aus einem andern Briefe vor, »in Steinach gibt es nur fleißige Mädchen. Wenn ich heimkomme aus dem Krieg, dann komme ich auch nach Steinach und bedanke mich bei allen.«

»Bei dir nicht,« durchfuhr es Silvia, und ihr Kopf sank ganz tief auf den Strumpf herab. O die Schande! Sich verkriechen hätte sie mögen vor Scham.