Warum Silvia Traugott keine Strümpfe strickt, und was sie alles tun will – Malchen sieht beinahe wie ein Junge aus, die Öllampe zerbricht, Fräulein Regine kommt, und zwei werden wieder die allerbesten Freundinnen
Unter den Kindern von Steinach gab es ein Mädchen, das redete nicht viel mehr als Schwetzers Fritze. Aber während sich der Bube manchmal ärgerte, daß ihm das Reden gar so schwer wurde, fühlte sich Silvia Traugott so wohl in ihrer schweigsamen Stille wie jemand, der viele Stunden seines Lebens in einem schönen, blumenreichen Garten verträumt. Silvia war das einzige Kind ihrer Eltern, sie hatte aber Vettern und Basen genug, denn in Steinach saßen auf vier Höfen Traugotts, die waren alle versippt miteinander. In den Krieg hatte Silvias Vater nicht mitziehen können, er hatte ein steifes Bein von einem Sturz vom Wagen her, aber trotzdem wurde bei den Traugotts nicht weniger vom Krieg gesprochen und nicht weniger daran gedacht als in andern Häusern.
Immer saß Silvia still dabei. Sie fragte und sagte nichts, sie ging einher, als wäre kein Krieg auf der Welt. Ihre Mutter bekümmerte das manchmal, und sie mahnte oft: »Silvia, strick’ an deinem Strumpf, denk’ an die Soldaten draußen!«
Dann strickte die Kleine wohl rasch ein paar Nadeln, aber meist ließ sie die Arbeit bald wieder sinken und träumte vor sich hin. »Traumsuse« nannte ihr Vater sie, auch Fräulein Regine sagte manchmal so, auch die mahnte: »Silvia, dein Strumpf! Willst du gar nichts für die Soldaten tun?«
Dann wurde Silvia feuerrot; sehr traurig machte sie so eine Frage, denn sie hatte den sehnsüchtigen Wunsch, viel, sehr viel für die Soldaten, für das Vaterland zu tun. Silvia hatte einmal von einem Mädchen gelesen, das in großer Kriegsnot erschienen und allen voran in die Schlacht gezogen sei, um ihr Volk zum Sieg zu führen. Daran mußte Silvia immer denken, und sie hätte himmelgern auch so etwas getan. Oder sie wäre gern mitten in die Schlacht hineingelaufen und hätte den Soldaten Wasser gebracht oder die Verwundeten gepflegt. Seit Krieg war, dachte Silvia nicht mehr an ihre Märchen wie früher, sie träumte nicht mehr mit offenen Augen von goldenen Schlössern, Königen, Prinzessinnen, von aller Lust und Pracht des Märchenlandes, sie dachte nur immer an den Krieg.
Sie dachte, vielleicht kommen die Feinde einmal nach Steinach; ich merke es zuerst, dann rufe ich es im Dorfe aus, ganz laut, und in die Kirche renne ich und läute selbst die Glocke, und alle werden so gerettet.
Die kleine Silvia wußte nicht viel von der Welt draußen, nicht, wie weit sich die Länder dehnen, sie dachte, im Kriege müßte es so zugehen wie in ihren Märchenbüchern: Puff, puff! und die Kriege waren gleich aus. Als dann Webers Arne und Jackenknöpfle ausgerissen waren, um geschwind in den Krieg hineinzulaufen, da klopfte ihr das Herz vor Sehnsucht. Sie wäre gern mitgezogen, und sie überlegte ganz ernsthaft, ob sie nicht nachrennen sollte. Sie lief auch die Birnenstraße entlang, denn Frau Besenmüller hatte gesagt, dorthin ginge es nach Frankreich. Wie sie aber so weit gelaufen war, daß sie Steinach nicht mehr sah, überfiel sie eine furchtbare Angst vor der weiten Fremde, und sie kehrte geschwind wieder um.
Die Buben kamen zurück, und im Dorfe lachten sie über die verunglückte Reise in den Krieg. An diesem Tage gerade las Silvias Vater einen Brief aus dem Felde vor, darin stand: »Vier Tage sind wir bis hierher, bis an die russische Grenze gefahren!«
Vier Tage! Der kleinen Silvia verging aller Mut, jemals in den Krieg zu kommen und draußen Heldentaten zu verrichten, und da Steinach wirklich inmitten des deutschen Vaterlandes lag, sagten alle: »Zu uns kommt nie der Krieg. Gott sei Dank!«
»Man kann auch im Lande Kriegsarbeit tun,« sagten die großen Leute. Silvias Mutter meinte: »Strick’ fleißig, jeder Soldatenstrumpf hilft den Krieg gewinnen.«