Hinzpeters Malchen, die nicht singen konnte und doch so singlustig war, dachte, nun müsse man singen. Aber ein Weihnachtslied wollte ihr nicht aus der Kehle dringen, sie war viel zu kriegerisch gesinnt, und plötzlich tat sie ihren Mund auf und sang so falsch als möglich: Es braust ein Ruf wie Donnerhall …

»Falsch,« riefen ein paar. Aber die andern redeten nicht, sondern fielen richtig ein, übertönten Malchens falsche Töne, und der Gesang schallte hinaus in die Winterstille. Ein paar Mütter saßen mit gesenkten Häuptern, und jede dachte, vielleicht behütet auch meinen Sohn mein Denken und Gebet.

Die Adventsfeier dehnte sich lange aus. So lustig war sie nicht wie vor einem Jahre, aber zuletzt gingen doch alle zufrieden heim. Sehr viele Pakete und Kisten waren gepackt worden, so viele fleißige Arbeit ruhte darin. Und doch sagte die alte Frau Lehrerin zu Pfarrers Regine: »Man muß noch mehr tun. Die Not ist groß!«

Frau Weber, Arnes Mutter, war eine kluge, tätige Frau, die es auch verstand, über Steinachs Grenzen zu schauen. Sie hatte zudem Verwandte drinnen im Elsaß, und sie erzählte allerlei, wie es dort zuging. Befreien wollten die Franzosen das Land, so sagten sie, und hausten darin, daß es zum Erbarmen war.

Pfarrers Regine hatte einen Brief mitgebracht, den eine Freundin der Mutter geschrieben hatte. Aus Ostpreußen kam er, darin wurde erzählt, wie die Russen gekommen waren über Nacht, und wie alles in Flammen aufgegangen war. Und von der Russennot kam das Gespräch wieder auf Held Hindenburg und auf andere Helden. Die Erwachsenen redeten, die Kinder hörten zu, die Weihnachtslieder wurden vergessen, und erst als spät alle auseinander gingen, rauschte noch einmal das alte, schöne Lied auf: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir?«

Und dann tat Frau Besenmüller die Haustür auf, und alle gingen heim. Am nächsten Tag erhielt Frau Fries die Nachricht, ihr Sohn sei schwerverwundet in französische Gefangenschaft geraten. Wo er sei, ob er noch lebe, wußte man nicht. Verwundet und gefangen!

Die Frau preßte die Hände an ihr Herz, festhalten mußte sie es, stark und tapfer sein. Noch lebte vielleicht der Sohn, vielleicht kehrte er ihr doch zurück. Am gleichen Tage seufzte der alte Briefträger wieder: »So lange trag’ ich nun schon die Post herum, aber so schwer war’s noch nie, nä, noch nie.« Er hatte in ein Haus in Steinach die Nachricht gebracht, daß der Mann gefallen sei. Der Schmiede-Franz war es, eine junge Frau weinte sich fast die Augen aus, und Frau Fries ging zu ihr und stand ihr bei in ihrer Not.

Und so kam Weihnachten heran, und es war still und feierlich. Es war kein Freudenfest, aber die Herzen taten sich viel, viel weiter als sonst auf, den Heiland zu empfangen.

Vierzehntes Kapitel
Silvias Tat für das Vaterland