Es war um die Weihnachtszeit. Wir dachten viel an die Heimat, und manchmal, wenn wir so hinübersahen nach Paris, da sangen wir wohl halblaut die lieben deutschen Weihnachtslieder. Am dritten Adventssonntag war es, da mußte Heinrich Wache stehen. Er hatte vorher noch nachgefragt, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Nein, es war keiner da. Ich sah es ihm an, wie groß seine Enttäuschung war, und als er fort war, fiel es mir ein, heute war sein Geburtstag. Einmal hatte er halb scherzend, halb traurig gesagt, er sei ein Adventskind.

Am Geburtstag keinen Brief von der Mutter zu erhalten, von der Mutter, die krank war, ihm vielleicht zürnte, das mochte hart sein. An diesem Tag erhielten wir dann zufällig noch eine Postsendung, eine Anzahl Briefe, einer für Heinrich war auch dabei. Ich nahm ihn an mich und wollte ihn später abliefern, aber wunderlich, der Brief in meiner Tasche machte mich unruhig. Ich war frei, und so überlegte ich nicht lange, ich ging dahin, wo Heinrich die Wache hatte. Lesen konnte er den Brief dort nicht, so hell war der Abend nicht, aber er wußte doch, die Mutter hatte geschrieben, schon das mochte ihn freuen.

Ich ging also den Weg, ging ganz allein und dachte an die Heimat. Würde ich nächstes Jahr Weihnachten wieder daheim sein? Ein leises Geräusch, wie ein huschen von Schritten, ließ mich aufsehen. Ich sah vor mir zwei dunkle Gestalten auftauchen und verschwinden – Freischärler.

Ich spannte mein Gewehr, schlich langsam vorsichtig weiter, leise, ganz leise, und dann plötzlich sah ich seitwärts jemand knien, eine Büchse zielend gespannt in der Richtung, wo Heinrich auf Wache stand. Ich habe nicht lange überlegen können, laut rief ich: »Wer da?«

Ein Schuß von mir, einer von dort, noch einer, der Mann überschlug sich, aber er mußte noch nicht schwer verletzt sein, ich sah zwei fliehende Gestalten.

Rasch vorwärts! Heinrich, war mein Gedanke. Er war unverletzt. Mein Ruf hatte ihn aufmerksam gemacht, er hatte noch Deckung suchen können, er hatte auch geschossen, wußte aber nicht, ob er jemand getroffen hatte.

Die Schüsse waren von unsern Leuten gehört worden, Hilfe kam herbei. Wir durchsuchten die Gegend, fanden aber niemand. Die Wache wurde verstärkt, und die Nacht ging ruhig vorüber.

Den Brief habe ich Heinrich gegeben, den Brief der Mutter, der ihm eigentlich das Leben gerettet hatte. Nur um des Briefes willen hatte ich ihn aufgesucht, und ohne mein Dazwischenkommen wäre der Anschlag sicher geglückt. Am nächsten Tage hat mir Heinrich den Brief gegeben, es war ein lieber, mutiger Brief, ein rechter, herzwarmer Mutterbrief. Die einsame Frau klagte nicht, mutig, tapfer schrieb sie dem Sohn. An seinem Geburtstag dankte sie ihm, daß er hinausgezogen war in den Kampf für das Vaterland. »Ich bin stolz auf dich, mein Junge,« schrieb sie ihm. »Und das ist so wundervoll, wenn eine Mutter dies an ihr Kind schreiben kann, schreiben darf: Ich bin stolz auf dich. Ich war schwach und kleinmütig, aber der Gedanke an meinen tapferen, pflichttreuen Sohn hat mich stark gemacht.«

Heinrich ist heimgekehrt, seine Mutter hat auch sonst stolz auf ihn sein dürfen. Er lebt noch heute, das Vaterland nennt ihn einen seiner größten Gelehrten. Seine Mutter hat sich noch lange an ihm freuen können.«

Der alte Lehrer schwieg. Die beiden Adventslichtchen auf dem dicken Kranz, der an roten Bändern von der Decke herabhing, flackerten, und ein Tannenzweiglein knisterte schwelend. Es war ganz still im Zimmer, feiertagsstill.