»Vermißt!« Es sah niemand in Steinach die alte Frau Lehrerin weinen, still tat sie ihre Arbeit, still half sie andern, aber wenn die Leute diese stille Frau durch die Gasse schreiten sahen, dann sagten sie zueinander: »Der bricht das Herz.«

Im Pfarrhaus trauerten sie um den einen Sohn, aber die Pfarrersleute waren noch reich, und die junge Regine tat den Eltern alle Liebe an. Sie hatte aber auch immer noch Zeit, in das Schulhaus hinüber zu laufen, gerade wie Schwetzers Fritze, der halb im Schulhaus wohnte. Er machte seine Arbeiten an Frau Fries’ Tisch, er half Frau Besenmüller, und wenn seine alte Freundin durch das Dorf ging, da ging er mit, immer drei Schritte hinterher. Redselig war Fritze noch immer nicht, aber mit Frau Fries unterhielt er sich doch gut, da brauchte er nur drei statt zehn Worte zu sagen, gleich verstand sie ihn. Und wenn er einmal später kam, dann sah sie schon nach ihm aus, atmete tief und sagte wohl: »Gut, daß du da bist, Fritz!«

Der erste Schnee sank auf Steinach nieder, und er blieb liegen und schmolz nicht gleich wie wohl in den großen Städten. Die Adventszeit brach an, und wenn die Kinder untereinander waren, dann redeten sie doch von Weihnachten, aber je näher das Fest kam, desto weniger wollten die Erwachsenen davon wissen. Und doch lud auch dieses Jahr Frau Fries die Kinder wieder zur Adventsfeier ein. Zu einem Arbeitsfest, sagte sie, alle sollten ihr helfen, Weihnachtsgrüße zu packen. Nach Ostpreußen sollten noch Pakete gehen, ins Elsaß und zu den Feldgrauen in die Schützengräben, in denen sie in Regen, Schnee, Sturm und Kälte hausten.

Diesmal kamen die Kinder nicht allein, auch die Mütter kamen mit, und das große Schulzimmer war fast zu klein für alle Gäste. Besenmüller saß wieder im Winkel und strickte, jetzt aber einen grauen Strumpf, und die Bäuerinnen strickten auch. Die Kinder dachten alle, Besenmüller würde vielleicht eine Geschichte erzählen. Erst warteten sie still, dann fragten sie laut, doch Besenmüller schüttelte traurig den Kopf: »Nä, nä, ich weiß nur was von den alten Schelmen, und das paßt nicht für heute.«

»Keine Geschichte?« klagten die Kinder.

Frau Fries seufzte. Eine Geschichte erzählen, ja, das gehörte zu einer Adventsfeier, aber ihr Herz war ihr so schwer, es tropfte und rann unablässig darin, es weinte. Vater Hiller saß auch im Schulzimmer, und als die Kinder so um ihre Geschichte klagten, da nickte er Frau Fries zu und sagte: »Ich will euch heute eine Geschichte erzählen, eine selbsterlebte dazu. Besenmüller sagt, eine Schelmengeschichte paßt nicht in diese Zeit, aber eine aus dem Krieg von 1870/71, die kann es wohl sein.«

»Vater Hiller war nämlich dabei,« flüsterten sich die Bäuerinnen zu, und die Kinder spitzten die Ohren; hoho, ihr alter Lehrer war auch im Krieg gewesen.

Der begann: »Die großen Schlachten des Krieges waren schon geschlagen, ihr wißt: Gravelotte, Sedan, all die herrlichen Siege. Wir lagen vor Paris. Ein kalter Winter war’s, wir haben weidlich gefroren, und wir hatten viel auszustehen. In Frankreich kämpften auch jene gegen uns, die nicht Soldaten waren, Männer und Frauen. Heimlich, hinterlistig suchten sie uns zu verderben; es sind ihnen viele von uns zum Opfer gefallen.

Im Quartier lag ich mit einem blutjungen Burschen zusammen. Heinrich will ich ihn nennen. Ein feiner, hübscher Junge war es, mit einem freien, hellen Blick. Dazu stimmte gar nicht sein stilles, verschlossenes Wesen. Es war leicht zu merken, er trug einen Kummer, der hatte ihn so ernst, fast finster gemacht. Durch einen Zufall erfuhr ich, was ihn quälte. Er war einer Witwe einziger Sohn, und er hatte sich das Hinausgehen ertrotzt. Von der Schule weg war er mitgegangen, nur kämpfen für das Vaterland, das war sein einziger Gedanke. Keine Mutterbitte hatte ihn gehalten.

Seine Mutter war eine zarte Frau, die Sorge um ihr einziges Kind hatte sie aufgerieben. Sie war erkrankt, hatte es lange dem Sohn verborgen, bis der es durch Verwandte erfuhr. Da quälte ihn die Sorge so, daß er stumm und verschlossen darüber wurde. Immer wieder fragte er sich, ob er unrecht getan, daß er ging. Aber dem Vaterland zu dienen, war doch Pflicht und Ehre. Einen bitterschweren Kampf kämpfte der arme Junge in aller Stille durch.