Im Dorf schlug die Uhr. Ein Uhr schon! Das Mittagessen war vorbei, und fast eine Stunde wartete er schon. War der alte Bote so lange im nächsten Dorf geblieben? Fritzes Magen knurrte, aber der Bube trabte weiter. Wiesen, das Nachbardorf, lag noch eine halbe Stunde entfernt, vielleicht war der Briefträger dort, und er fand ihn, und wenn der Brief da war, dann wollte er zurück mit dem Wind rennen.
Fritz rannte. Er sah nicht rechts, nicht links, und beinahe überhörte er die schwache Stimme, die seinen Namen rief: »Schwetzers Fritze, Gott sei Dank, lauf doch niche fort!«
Verdutzt sah sich Fritz um. Da unter einem Baum kauerte der alte Briefträger, er hatte den Kopf an den rauhen Stamm gelegt, und selbst Fritz sah es, der alte Mann war krank. Mit einem Satz war der Bube neben ihm, sein Mund schwieg, aber seine Augen fragten, und der Kranke verstand diese stumme Frage. »Ich komm niche mehr weiter, aber der Brief ist da.«
»Der Brief!« jauchzte Fritz und vergaß darüber des alten Mannes Not. Der lächelte matt. »Ja, er is da, und eures Herrn Lehrers Name steht darauf, also er lebt. Und siehste, das hätt’ ich nu zu gern der alten Mutter gebracht. Nä, nu is das niche!«
Er seufzte tief und versuchte seine Tasche zu öffnen, aber die Hand sank ihm matt zurück. »Fritze«, stöhnte er, »jetzt gibste mir deine Hand, daß du alles tust, wie ich’s sage, nimm deinen Verstand zusammen!«
Die Schelme von Steinach. Seite 229.
Fritze legte seine Hand in die des alten Boten, kraftlos war die und kühl, und nur mühsam redete der: »In Steinach gibste alles ab, was dahin gehört, un dann läufste nach Ringelheim, denn da warten auch ’n paar Frauen so arg auf Briefe, un grade heut’ sin se da. Verlier aber nischte! In Ringelheim gibste alles dem Küster, der macht’s schon, un denn kommste nach Steinach zurück – – un vielleicht bin ich dann da.« Er nestelte mühsam seine Tasche ab. Fritze wollte sie nehmen, aber der Alte hielt sie fest. »Niche so schnell! So ’ne Tasche is was Heiliges. Weißte, wenn dir ’n König seine Krone geben möcht’ und sagt: »Heb se auf!« das is justament so, als ob ich dir meine Tasche geb. Verstehste mich?«
Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.
»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen, aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?«