Die kleine, rundliche Frau eilte aus dem Zimmer, noch ehe Minettchen, das blonde Postmeistertöchterlein, Zeit gefunden hatte, ihr Urteil über den Sitz der mütterlichen Haube abzugeben. Draußen hielt auch schon das Gefährt, neben seiner Gattin erschien der Herr Postmeister, und ehrerbietig verneigte sich das Ehepaar vor den Insassen des Wagens. Drinnen im Zimmer drückte Minettchen ihr Stumpfnäschen an die Fensterscheiben und blickte voll Bewunderung auf die gnädigen Fräuleins, die mit der Kammerherrin von Steinberg fuhren. Diese selbst, eine große, stattliche Frau, saß kerzengrade aufrecht auf dem Vordersitze des Wagens; ihr braunes Taftkleid, das, entgegen der herrschenden Mode, noch von recht beträchtlicher Weite war, bedeckte den ganzen Sitz. Der Großmutter gegenüber saßen schlank und jung, eng aneinander geschmiegt, ihre drei Enkelinnen. Es wäre gegen alle Schicklichkeit gewesen, hätte eines der jungen Mädchen neben der Großmutter auf dem Vordersitz gesessen. Die Schwestern Gottliebe und Gottlobe von Steinberg hatten ihre Base Karoline von Prillwitz zärtlich in die Mitte genommen, denn das Bäslein war Gast und genoß alle Vorteile eines gern gesehenen Besuches.

»Hat er Postsachen für mich?« fragte die Kammerherrin den Postmeister mit herablassender Freundlichkeit, der sich von der alten Dame noch das »Er« gefallen ließ, das er so leicht keinem andern verziehen hätte.

»Ei gewiß, Ihro Gnaden, aus Leipzig ist ein Päckchen gekommen, spekuliere, es wird ein Buch sein,« gab der Postmeister zur Antwort und begab sich eilfertig in die Schreibstube, das Gewünschte zu holen.

Bei dem Wort »aus Leipzig« schauten die drei Mädels neugierig auf, und über das Gesicht der alten Dame lief ein Schatten. Ihre Hände, die auf dem Schoß gefaltet lagen, zitterten leise, aber sie beherrschte sich, und die Postmeisterin bekam eine gnädige Nachfrage, wie es ihr gehe, und ob ihr der Tee, den sie jüngst vom Gute geholt, auch gegen den Brustkrampf geholfen habe.

Die Auskunft lautete befriedigend, die dicke Frau Postmeisterin sah auch blühend und gesund aus, trotzdem seufzte sie herzbrechend, als die Kammerherrin sie fragte, wie es sonst noch gehe.

»Unsereins kann ja nicht klagen,« sagte sie mit ehrlicher Betrübnis, »bisher hat's immer noch in unserem Hause zugelangt, aber bei den armen Leuten und draußen auf dem Lande, wie es da im Winter werden soll, das weiß unser lieber Herrgott!«

Ihr Mann, der wieder aus dem Hause trat, hatte die letzten Worte gehört, und sein sonst so freundliches Gesicht verdüsterte sich. »Der gnädigen Frau Kammerherrin braucht man nichts zu klagen, sie weiß, wie groß die Not im Lande ist,« sagte er bitter, »und ehe wir nicht die Franzosenwirtschaft los werden, gibt's keine Besserung.«

»Mann,« schrie seine Frau erschrocken, »du redest dich noch um Kopf und Amt.«

Frau von Steinberg aber reichte dem Postmeister die Hand. »Wie er, denkt heute jeder ehrliche deutsche Mann, ob er es sagt oder bei sich behält.«

Das Schelmenlächeln auf den Gesichtern der drei Basen, die mit dem Minettchen Blicke getauscht hatten, erstarb jäh bei diesem ernsten Gespräch, und alle drei schauten den Postmeister ehrfürchtig an: ein Lob aus Großmutters Munde, das bedeutete noch etwas.