Der Postmeister hatte die Blicke der jungen Mädchen bemerkt; er räusperte sich ein wenig verlegen und reichte mit einer abermaligen Verbeugung das vielfach versiegelte Päckchen in den Wagen hinein.
»Vielleicht ist es ein Almanach, der etliche neue Modekupfer bringt, an denen die gnädigen Demoiselles die neuen Moden, die man jetzo trägt, adorieren können,« sagte er mit verschnörkelter, altmodischer Höflichkeit. Er meinte, diese Art sei gar fein den vornehmen Damen gegenüber, aber grob schnitt ihm die Kammerherrin die Rede ab: »Halt er den Mund! Red er doch Deutsch, wie sein Schnabel gewachsen ist, und setz' er den drei Gänsen, meinen Enkeltöchtern, nicht Flausen in die Köpfe; sie sind schon eitel genug und denken mehr an Putz und Tand, als es sich für die heutige Zeit gebührt. Und sie, Frau Postmeisterin, lebe sie wohl; wenn sie Wurstgewürze braucht, dann kann sie sich welches holen lassen. Schick' sie mir ihr Minettchen, sie soll sich aber ja nicht wieder so aufputzen wie das vorige Mal; sie sah aus, als ginge sie zum Erntekranz. Putz und Tanz sind unserer Zeit unwürdig. Und nun Gott befohlen!«
Die Pferde zogen an, und der Wagen rasselte davon; etwas verdutzt sahen die Eheleute ihm nach. »Ja, ja, so ist sie einmal, immer rasch und streng; aber gut ist sie doch dabei, und in der Not kann man sich immer an die Steinbergs wenden, das ist was wert. Das Minettchen aber soll mir nicht mehr mit den vielen Firlefanzbändern herumlaufen, ich leid's nicht,« brummte der Herr Postmeister und ging wieder in seine Schreibstube. Seine Frau kehrte in das Wohnzimmer zurück, und das ahnungslose Minettchen bekam dort brühwarm die Schelte der Frau Kammerherrin zu hören. Sehr beschämt beugte es sich über seine Näharbeit und schickte dem verbotenen Putz manch heimlichen Seufzer nach.
Der Wagen rollte unterdessen auf dem Landwege dahin, der das Rittergut Hohensteinberg mit dem Städtchen Langenstein verband. Hell strahlte die Sonne auf kahle Felder herab, und der links an der Straße sich hinziehende Laubwald schillerte in lichtem Goldgelb.
In dem Wagen herrschte Schweigen, und die Großmutter sah düster auf die Stoppelfelder am Wegrand; ach, sie hatten nur spärliche Frucht in diesem Jahre getragen, so spärlich, daß das Gespenst des Hungers schon vor vielen Türen stand, um sich mit dem Winter zugleich einzuschleichen. Die drei Enkelinnen aber kämpften noch mit ihrem Ärger über die großmütterlichen »Gänse«.
Karoline von Prillwitz, deren Eltern in Königsberg lebten, — ihre Mutter war die einzige Tochter der Kammerherrin, — verstand weniger die Gedanken, die die Großmutter bewegten, als Gottliebe und Gottlobe, die tagtäglich all das bittere Klagen um den ausgebliebenen Erntesegen angehört hatten. Sie fand darum das tiefe Schweigen auch recht langweilig. Sie seufzte einigemal, nicht zu sehr, damit es die Großmutter nicht hörte, und spähte eifrig die Straße entlang. Kam denn nichts und niemand des Weges daher? Als ein Bauer ankam und ehrfurchtsvoll grüßte, schaute sich die neugierige kleine Städterin so lange nach ihm um, als sie seine Gestalt noch verfolgen konnte: dabei übersah sie fast einen schlanken, blassen Jungen, der an einer Wegbiegung stand und träumend in die Weite blickte.
»Heda,« rief der Kutscher, »aus dem Wege!«
Der Knabe sprang zur Seite, er grüßte höflich, und in dem Blick seiner Augen lag eine Frage: es war, als wollte er vortreten und sprechen.
Die alte Frau von Steinberg war durch den Zuruf des Kutschers aus ihren Gedanken aufgeschreckt. Auch sie sah nun den Knaben und verstand seine stumme Frage. Da sie auch fast jedes Gesicht in der Gegend kannte, fiel ihr ein Fremder sofort aus. Sie rief dem Kutscher ein Halt zu und winkte gebieterisch den Knaben zu sich heran.
Der folgte der Aufforderung. Unerschrocken sah er zu der alten Dame auf, die ihn fragte: »Wohin will er?«