»Halt er den Mund,« wies ihn die Kammerherrin zurecht, und zu dem Knaben gewandt, sagte sie: »Steig er ein, er kann mitfahren. Rückt zusammen, Mariellen, er hat noch Platz zwischen euch. Das Bündel nimmt Heinrich auf den Bock.«
Aber Raoul folgte der Aufforderung nicht, so verlockend es für ihn war, seine müden Füße ausruhen zu können; die hochmütige Art verdroß ihn. So verneigte er sich nur mit dem feinen, zierlichen Anstand, den er der Erziehung seiner Mutter verdankte, und sagte höflich: »Ich danke sehr, gnädige Frau, aber ich kann noch gehen!« Und ohne Besinnen nahm er wieder sein Bündel über die Schulter und trabte die Landstraße entlang.
Die Augen der alten Frau blitzten. Wie ein Wetterleuchten zog es über das alte, herbe Gesicht, und ohne sich noch weiter um den Knaben zu kümmern, rief sie: »Fahr er zu, rasch, laß er die Pferde laufen!«
Heinrich folgte dem Befehl, und eine Minute später rollte das Gefährt an Raoul vorbei. Eine Staubwolke umhüllte den Jungen, der noch einmal stehen blieb und wartete, bis der Wagen einen weiten Vorsprung hatte, dann schritt er weiter, nicht schnell, denn das Wandern fiel ihm schwer, es war ihm ungewohnt, und ein Fuß war schon wund gelaufen. —
Raoul von Steinberg war glücklich mit Meister Koch nach Halle gekommen und von da in tagelanger Postfahrt über Berlin bis nach Thorn. Von hier aus war das Vorwärtskommen beschwerlicher gewesen. Er selbst wußte nicht die rechte Richtung, die Posten gingen seltener und waren besetzt, auch war seine Barschaft sehr zusammengeschmolzen. Meister Käsmodel hatte selbst noch nie eine so weite Reise gemacht und hatte gemeint, gar gut und reichlich für seinen Schützling gesorgt zu haben, und es wäre ihm selbst wohl bitter leid gewesen, wenn er gewußt hätte, wie mühselig dessen Reise war. Aber Raoul hatte sich schon in seiner Jugend in mancherlei Widerwärtigkeiten schicken müssen, er kam durch, lebte einfach, schlief in Scheunen und sah sich endlich dem Ziel seiner Reise nahe. Etlichemal hatten Bauern ihn ein Stück des Weges für einen freundlichen Dank mitgenommen, und er war gern gefahren; die stattliche Dame aber in dem wohlhäbigen Wagen hatte ihm das Mitfahren doch zu sehr als ein Almosen angeboten, und eine solche Behandlung wollte er sich nicht gefallen lassen.
»Ich komme schon hin,« dachte der Knabe mutig und schritt weiter, »lang kann's nicht sein!« Und wieder wie in all den vergangenen Reisetagen suchte er sich seine neue Heimat vorzustellen, und wie man ihn wohl empfangen würde, und ob der Oheim dem Vater ähnlich sah.
Endlich sah er das Gutshaus am Ende einer langen, schattigen Lindenallee auftauchen: ein schlichtes, zweistöckiges, aber umfangreiches Gebäude, an das sich links der Gutshof mit Scheunen und Stallungen anschloß, rechts dehnte sich weit, von einer niedrigen Lehmmauer umgeben, ein großer Park aus. An der Haustüre standen der Freiherr von Steinberg, neben ihm seine Frau Maria, und beide umdrängten die drei blonden Bäslein, die seit der Begegnung auf der Landstraße es vor Neugier einfach nicht mehr aushielten, sich den neuen Vetter näher anzuschauen. Joachim, der noch nicht ganz fünfzehnjährige Sohn des Hauses, stand etwas zurück in dem weiten Hausflur. Er wollte es nicht zeigen, daß auch ihn der unbekannte Vetter lebhaft beschäftigte, denn er hatte es den beiden Schwestern und der Base mehr als einmal gesagt, daß es ihm lieber wäre, wenn der Halbfranzose gar nicht käme; eine rechte Sache würde das doch nicht mit ihm.
»Die Großmutter tat recht, daß sie ihn auf der Landstraße stehen ließ,« hatte er erklärt, als die Mädels sehr lebhaft ihre Begegnung schilderten.
Darüber waren die Schwestern tief entrüstet gewesen, denn sie empfanden inniges Mitleid mit dem blassen Knaben. »Die Großmutter hätte ihn doch mitnehmen sollen, ihm sagen, wer wir waren,« grollte Gottliebe. Sie ahnte nicht, daß der alten Frau selbst schon ihr rasches Davonfahren leid tat.
»Wäre er doch endlich da, der arme Junge!« sagte die Hausfrau gerade leise, als Raoul am Anfang der Allee auftauchte.