»Dort kommt er,« riefen die Mädels, und als sie sahen, daß Vater und Mutter schnell dem Ankommenden entgegengingen, taten sie es ihnen nach, und so sah sich Raoul auf einmal von den neuen Verwandten umringt: man hatte ihn erwartet, wußte von seinem Kommen. Er sah die Bäschen an und errötete heiß, denn er erkannte sie gleich wieder, und zugleich wußte er auch, ohne daß es ihm jemand sagte, daß die alte Dame seine Großmutter gewesen war. Seines Vater Mutter! Er senkte stumm den Kopf, und in die tiefe Freude, die ihn erfüllt hatte, als er endlich das Heimatshaus seines Vaters erblickte, endlich am Ziel war, fiel der erste bittere Tropfen.
»Willkommen, mein Junge!« sagte der Oheim herzlich und hob das Gesicht des Knaben zu sich empor. Ernst, traurig sah dieser ihn an, und das gleiche Gefühl der Reue, das ihn ergriffen hatte, als Meister Käsmodels Brief eingetroffen war, bewegte wieder des Freiherrn Herz. Er zog den Knaben an seine Brust und sagte warm: »Gott segne deinen Eingang.«
Frau Maria empfing den Neffen mit gleicher Herzlichkeit. Auch die blonden Bäslein grüßten ihn froh, und schon wollte ein Gefühl der Befreiung über Raoul kommen, als Joachim hinzutrat. Dieser, der ihn ein beträchtliches Stück überragte, sah hochmütig, ja fast verächtlich auf den in abgetragenen, verstaubten Kleidern steckenden Vetter herab. Wie ein Betteljunge sieht er aus, dachte er, und dieser Gedanke stand so deutlich auf seinem Gesicht, daß Raoul rasch die schon ausgestreckte Hand sinken ließ. Vor ihm tauchte das derbe, gutmütige Gesicht seines Freundes Gottlieb Käsmodel auf, und eine heiße Sehnsucht nach dem Bäckerhaus wallte in ihm empor.
»Nun, da ist ja der Wanderbursch, der das Fußlaufen angenehmer findet als das Wagenfahren,« rief die Kammerherrin durch den Flur. Vor innerer Bewegung klang die Stimme der alten Frau härter und herber als sonst; sie mußte an sich halten, um das Kind ihres Sohnes, dieses Sohnes, um den sie zahllose Tränen geweint und tausend Schmerzen gelitten hatte, nicht weinend an ihr Herz zu ziehen. Raoul hörte nur die Härte, die Herbheit heraus; er dachte nur daran, daß es die Großmutter gewesen war, die ihn auf der Landstraße hatte stehen lassen. Unwillkürlich raffte er sich zusammen und verbeugte sich dann höflich und küßte die Hand der alten Frau, aber seine Lippen blieben fest geschlossen, und in seine sonnenverbrannte Stirn zog sich eine tiefe, senkrechte Falte, die seinem Gesicht etwas unendlich Hochmütiges, Trotziges gab.
Genau so hatte sein Vater einst die Stirn gezogen, und in diesem Augenblick glich er trotz den dunklen Augen und den dunklen Locken dem Vater so auffallend, daß die Kammerherrin diesen zu sehen vermeinte. Fast entsetzt starrte sie den Enkelsohn an, dann wandte sie sich stumm ab und verließ wortlos, nicht so aufrecht als sonst die Halle, — die alten Wunden waren von neuem aufgebrochen.
Frau Maria tat der arme, blasse Knabe leid. Sie zog ihn mütterlich liebevoll an sich und sagte herzlich: »Nun komm aber erst in deine Kammer, mein Kind, du wirst müde und hungrig sein. Heute sollst du Ruhe haben, morgen erzählst du uns dann von deiner Reise und siehst dich in deiner neuen Heimat um!«
»Morgen soll er erst erzählen?« rief Gottliebe namenlos enttäuscht, die schon immer vor Ungeduld von einem Bein auf das andere getreten war, »ich platze ja vor Neugier!«
»Dann wirst du wieder zusammengenäht, Mariell,« tröstete der Vater, und das heitere Lachen, in das alle einstimmten, fand nun selbst auf Raouls Gesicht einen schwachen Widerschein. Zum Erzählen war er aber doch zu müde, und er war froh, als er im Bett lag und schlafen durfte. Er schaute sich auch kaum noch in der freundlichen Stube um, in die ihn Frau Maria führte, und deren sanfte Stimme sowie Gottliebes zwitscherndes Lachen draußen aus dem Flur waren das letzte, was er noch mit wachen Sinnen hörte, dann schlief er ein. Tief und fest schlief er einem neuen Tage, einem neuen Leben entgegen.