[Fünftes Kapitel.]
Als Fremdling in des Vaters Heimat.
Als Raoul am nächsten Morgen spät erwachte, schien die Sonne hell in sein Stübchen; in allen Winkeln lag das goldene Licht, und von seinem Bett aus konnte der Knabe noch in die Krone einer dicken Kastanie hineinsehen. Er lag ein Weilchen blinzelnd still, er mußte es sich erst überlegen, daß er nun wirklich in Hohensteinberg, der Heimat seines Vaters war. Dann aber sprang er eilig aus dem Bett, zog sich den Sonntagsanzug an, den ihm Meister Käsmodel noch gekauft hatte, und eilte die Treppe hinab. Er hatte es sich nicht recht gemerkt, wo das Wohnzimmer lag, und als er Stimmen hörte, ging er dem Schall nach und stand unversehens vor einer offenen Tür. In dem Gemach, das ganz wie sein Stübchen von Sonnenlicht durchflutet war, saßen die Kinder des Hauses beisammen mit ein paar jungen Gästen, die eben eingetroffen waren: Arnold und Fritz von Berkow, deren Vater der nächste Nachbar von Hohensteinberg war. Am Fenster saß die Großmutter, und neben ihr stand ein großer überschlanker Mann, Pfarrer Josua Buschmann. Dieser lebte auch auf dem Schlosse und versah zugleich neben seinem Pfarramt das eines Lehrers der Steinbergschen Kinder. Das Pfarrhaus im Dorf war 1807 in dem trübseligen, schweren Kriegswinter abgebrannt, und des Pfarrers Weib war wenige Wochen später gestorben. Da war der einsame Mann ins Schloß gezogen, um der Gemeinde nicht die Last aufzubürden, ein neues Pfarrhaus bauen zu müssen. Er war mit den Berkows zusammen gekommen, da er am Tage vorher über Land gewesen war.
Niemand hatte Raoul kommen hören, und einige Sekunden stand er zögernd und verlegen an der Türe, unschlüssig, was er tun sollte, als die Stimme Arnolds von Berkow sich laut aus den andern hervorhob: »Sagt, was ihr wollt, seine Mutter war doch eine Französin. Also ein halber Franzose ist euer Vetter doch und kein Verlaß auf ihn!«
Ein Schrei entrang sich Raouls Lippen, und plötzlich stand er mitten im Zimmer, stand vor dem langen Jungen, der ihn um einen halben Kopf überragte, und streckte ihm die drohend geballte Faust entgegen. »Meine Mutter, meine Mutter« — er konnte vor Empörung nicht sprechen, nur seine Augen blitzten in wildem Zorn.
Josua Buschmann sprang hinzu und zog den leidenschaftlich erregten Knaben fort, die Großmutter gebot scharf: »Geht hinaus, ihr Buben!« und einige Augenblicke später war Raoul allein mit der Großmutter, seiner Tante und dem Pfarrer. Die Buben und die Bäslein hatten alle zusammen das Zimmer verlassen.
Frau Maria sprach freundlich zu ihm, auch die Großmutter sagte ein paar Worte, aber Raoul war es doch, als hätte sich der helle Sommermorgen auf einmal in einen grauen, trüben Regentag verwandelt, und nur mühsam gab er auf alle Fragen Antwort. —
Raoul war mit einem Herzen voll Sehnsucht nach Liebe hergekommen, und auf der langen, beschwerlichen Reise hatte er sich die heitersten Bilder ausgemalt. Er hatte eine tiefe Dankbarkeit empfunden, daß er kommen durfte, und dabei hatte er auch wieder mit ein bißchen Stolz gedacht, daß die Verwandten sich gewiß recht freuen würden, daß er Hohensteinberg gewählt hatte und nicht nach Paris gezogen war. Ein grenzenloses Vertrauen zu der Mutter, dem Bruder seines Vaters war in ihm aufgeblüht; alles wollte er ihnen sagen, sein ganzes Leben schildern, und nun war es plötzlich, als habe sich da in seinem Herzen eine Türe geschlossen. Wie zugeschüttet war alles durch das eine unbedachte Wort. Er hatte es in seinem jungen Leben gelernt sich zu beherrschen, und so gab er sich auch alle Mühe, niemand merken zu lassen, wie es in seinem Herzen aussah. Kein Wort kam über seine Lippen, wenn er nicht gefragt wurde, und wenn er antwortete, tat er es so knapp und kurz, daß seine Verwandten wenig genug von seinem Leben erfuhren. Warum er eigentlich so rasch von Leipzig abgereist war, ahnte niemand in Hohensteinberg, niemand, wie tapfer Raoul für seine Mutter gearbeitet hatte, und wie lieb ihm die Bäckerfamilie war.