Nach ein paar Tagen hatten sich alle im Hause daran gewöhnt, daß Raoul da war, daß er schweigsam am Tisch saß, und daß er arbeitete und lernte. Kam er, merkte man es kaum, ging er, vermißte ihn niemand. »Er ist langweilig,« sagten die Basen; Joachim nannte ihn »verstockt, falsch, einen Franzosenfreund«, denn er grollte ihm, daß um seinetwillen sein Freund Arnold eine derbe Rüge empfangen hatte. Er ist wohl nur scheu, dachte Frau Maria, aber ihr Mann und seine Mutter empfanden es bitter, daß der Knabe so anders war als sein Vater; sie beide hätten so gern gut gemacht, was sie an Unversöhnlichkeit und Härte an seinen Eltern verschuldet hatten. Er ist von anderer Art, dachte die Großmutter schmerzvoll und verschloß auch ihr Herz vor ihm, wenn ihr gegenüber der Enkelsohn immer stumm blieb, ja ihr sichtlich aus dem Wege ging.

Nur der Pfarrer Josua Buschmann ahnte etwas von dem stillen Leiden des blassen Knaben. Er hatte ihn auf den Wunsch seines Onkels hin geprüft, und er war erstaunt gewesen, wie viel Raoul wußte, obgleich er doch, wie er selbst sagte, nie auf einer Schule gewesen war. Von dem Lernen mit dem Bäckerbuben zusammen erzählte Raoul nie. In den ersten Tagen nur hatte er einmal geantwortet: »Gottlieb hat mir das gesagt.«

Man hatte im Garten zusammengesessen, und Gottliebe rief verwundert: »Gottlieb, mein Namensvetter, wer ist das?«

»Mein Freund,« gab Raoul kurz zur Antwort.

»Wie heißt er denn weiter?« forschte Gottliebe neugierig, »erzähl doch!«

»Er heißt Käsmodel, sein Vater ist Bäcker,« sagte Raoul mit leisem Zögern. Er hätte gern noch mehr gesagt, denn auf einmal sah er deutlich Gottliebs gutes, treues Gesicht vor sich, und die Sehnsucht, von ihm sprechen zu können, erwachte jäh.

»Käsmodel,« schrie aber Karoline, »Käsmodel, nein, so ein Name! Und mit einem Bäckersohn hast du verkehrt?« Sie war ein etwas hochmütiges Jüngferlein und schnell und unbedacht in ihrer Rede; der Name erschien ihr auch so lächerlich, daß sie kichernd ihre kleine Nase hinter einem Buch verbarg. Auch Lobe lachte laut: »Käsmodel, nein, Käsmodel! Wie drollig!«— »Käsmodel!« rief auch Joachim spöttisch, »und von dem hast du was gelernt, von dem stammt deine Weisheit?«

»Er ist mein Freund,« erwiderte Raoul herb, und wieder grub sich auf seiner Stirn die senkrechte Falte ein, die ihn seinem Vater so ähnlich machte.

»Er ist gewiß sehr nett,« sagte Gottliebe schnell, der der Vetter leid tat, und auch Pfarrer Buschmann fragte freundlich nach dem Freunde und warf den Spöttern einen mahnenden, zürnenden Blick zu. Später fragte auch Frau Maria, und selbst der Oheim erkundigte sich nach den Bäckersleuten, aber Raoul gab immer nur kurze, ausweichende Antworten. Sie spotten doch nur über meine Freunde, dachte er bitter.