Er war durch diese Erfahrung noch scheuer geworden und fühlte sich bei den Verwandten durch Worte verletzt, die er früher kaum beachtet hätte.
Meister Käsmodel hatte oft herzhaft über die Franzosenwirtschaft geschimpft, und nie hatten Raoul und seine Mutter sich gekränkt gefühlt; jetzt auf einmal spürte der Knabe überall eine Feindseligkeit heraus.
Es wurde auf Hohensteinberg, als der Winter näher kam, viel von dem kommenden Krieg zwischen Rußland und Frankreich gesprochen, der drohte, und vor dem die Länder zitterten. An seinem Geburtstag, den 15. August, hatte Napoleon dem russischen Gesandten so scharfe Worte gesagt, daß alle den Krieg ahnten. Für Preußen war es durch die Mißernte des Jahres ohnehin eine harte Zeit, wie würde es werden, wenn der Zug Napoleons nach Rußland zur Wahrheit würde! Da ballte sich manche Faust heimlich in der Tasche, und mancher tapfere Mann hätte lieber dreingeschlagen als von einem Bündnis mit dem Eroberer gesprochen. Der König von Preußen Napoleons Verbündeter! Wie ein Hohn erschien das vielen, und zu denen, die des Landes Schmach mitfühlten, gehörte auch der Freiherr von Steinberg.
In der Wohnstube von Hohensteinberg wurde manches freie, kühne Wort gesprochen, wenn die Berkows da waren und Dr. Martinsen aus Langenstein, des Hauses alter Freund. Die Jugend des Hauses durfte zuhören. »Sie müssen die Not unserer Zeit erkennen lernen, sie müssen aufwachsen in der Sehnsucht nach Freiheit,« pflegte der Freiherr zu sagen.
Da war es Raoul aber manchmal, als stocke die Rede, wenn er dabei war; und wenn ihm zuweilen in heißem Mitgefühl das Blut in die Wangen stieg und er an seinen für das Vaterland gefallenen Vater dachte, da fühlte er, wie die Großmutter oder der Oheim ihn prüfend ansahen. Warum wurde er rot? Kränkten ihn die freien Worte?
Und warum schweigt er immer? dachte Joachim und sagte es dann zu seinen Freunden.
»Er ist für die Franzosen, natürlich!« spottete Arnold.
Den drei Knaben wäre es am liebsten gewesen, sie hätten gleich in den Kampf ziehen können. Was die Väter sprachen, erschien ihnen zu kühl und besonnen, und die Schwestern waren auf ihrer Seite. Die hatten auch die Köpfe voller Kriegsgedanken, am meisten Gottliebe, die war ungeduldiger und feuriger beinahe als die Buben.
Gottliebe war Joachims Lieblingsschwester, sie genoß sein volles Vertrauen, und die beiden hingen wie die Kletten zusammen. Die sanftere, ein Jahr jüngere Gottlobe pflegte eine zärtliche, schwärmerische Freundschaft mit Helene von Berkow, und seit Karoline auf Hohensteinberg weilte, auch mit dieser.
Seit Raoul gekommen war, gab es aber manchmal Streit zwischen Bruder und Schwester. Gottliebe tat der Vetter oft leid, sie konnte keine traurigen Menschen sehen. Weil sie wie der ferne Freund hieß, ruhten Raouls schöne, dunkle Augen oft, ihm selbst unbewußt, voll Traurigkeit gerade auf ihr, und Gottliebe fühlte, daß er litt, fühlte es wie Pfarrer Buschmann, und sie versuchte es auch wie der Geistliche immer wieder, des Vetters Vertrauen zu gewinnen. Sie suchte ihm kleine Gefälligkeiten zu erweisen; gab er eine gute Antwort in den Stunden, die sie gemeinsam hatten, dann rief sie wohl bewundernd: »Aber Raoul ist klug!«