Das verdroß Joachim. Der war begabt, aber er liebte es, mehr in Wald und Feld herumzustreifen oder mit den Berkows kühne Luftschlösser zu bauen, als eifrig zu lernen. Da mußte er dann sehen, daß der jüngere Vetter ihn, trotzdem er viel weniger Unterricht in seinem Leben empfangen hatte, manchmal überflügelte. »Natürlich, er ist ein Streber und Heimlichtuer,« sagte er, aber daß die Schwester den Verhaßten bewunderte, kränkte ihn tief, und manches scharfe Wort fiel darum zwischen den Geschwistern. Es gab Streit und Tränen, und die schöne Einigkeit war gestört.

Pfarrer Buschmann hörte das Streiten. Er sah, wie die Geschwister auseinanderkamen und Raoul doch einsam blieb, und versuchte zu versöhnen, aber Joachim besaß einen echten Steinbergschen Trotzkopf, der nicht so leicht zu brechen war. Je mehr der Pfarrer zum Guten sprach, desto mehr fühlte sich Joachim auch von dem so geliebten Lehrer zurückgesetzt und wurde auch gegen diesen mißtrauisch, sah mit Eifersucht auf Raouls rasches Vorwärtskommen und zeigte dem immer unverhohlener seine Abneigung.

So gärte und brodelte es im engen Kreise wie draußen in der weiten Welt, und darüber gingen die Tage dahin, und der Winter kam mit leisen Schritten gegangen. Er kam hier in Ostpreußen früher als in Sachsen, und er war schöner auf dem weiten, flachen Lande als drinnen in der engen Stadt. Der Schnee fiel schmeichelnd weich, weiß und still. Er lag bald in dicken Polstern auf den Dächern und Mauern, die Bäume neigten ihre Äste unter der weißen Last, und bald mußten die Wege zu den Scheunen und Stallungen und ins Dorf hinein geschaufelt werden. In dieser Zeit wuchs aber auch die Not im Lande. Auf Hohensteinberg freilich brauchte niemand Hunger zu leiden, und auch für die Dorfbewohner sorgten der Gutsherr und seine Frau, so gut sie es nur konnten. Doch der Klang der Not tönte auch von fern kommend in diese friedsame Stille hinein, und Raoul dachte in dieser Zeit oft daran, wie noch vor einem Jahr die Mutter gebangt und gesorgt hatte. Gar manchmal mußten in dieser Zeit die Töchter des Hauses in das Dorf gehen und den Kranken und Armen Speise aus der Schloßküche hintragen. An einem Dezembertag rüstete sich Gottliebe zu einem solchen Gang. Sie tat es gern, und die Dorfleute sahen sie gern kommen, denn wie ein lachender Sonnenschein kam sie in die niedrigen Stuben. Als Gottliebe durch den Hausflur ging, sah sie Raoul, und rasch bat sie: »Komm mit ins Dorf.«

»Mit dir allein?«

»Herr Pfarrer geht mit,« sagte Gottliebe und stellte ihren Korb an die Haustüre, »er kommt gleich, wir müssen nur ein Weilchen warten. Kommst du?«

Raoul nickte und trat neben die Base, und diese, die nicht gerade zu den Schweigsamen gehörte, erzählte ihm gleich: »Mutter schickt den alten, kranken Jakobsleuten Essen. Dort hinten im letzten Haus beinahe wohnen sie.« Da Raoul stumm blieb, fuhr sie lebhaft fort: »Ach, es muß schrecklich sein, arm zu sein, Hunger zu haben!«

»Sehr schrecklich ist's,« sagte Raoul, und die Falte grub sich in seine Stirn.

Gottliebe, der es plötzlich einfiel, daß Raoul und seine Mutter ja arm gewesen waren, sagte schnell, aus tiefstem Herzen heraus: »Armer Raoul!«

Das klang so kindlich lieb und herzlich, daß zum erstenmal wieder seit langer Zeit über Raoul der Wunsch kam, von der Mutter, von Leipzig und seinem Leben dort zu erzählen, aber es war, als wären ihm die Worte im Munde eingefroren: er, der sonst so lustig hatte plaudern können, wußte jetzt kaum noch etwas zu sagen. Doch Gottliebe schien seinen Wunsch zu ahnen, und herzlich bat sie: »Sag mir doch was von deinem Gottlieb! War er lustig?«